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Frau Dr. Riemenschneider im Labor
Wenn sie nicht wären, würden wir uns jeden Tag mit Dingen umgeben und Speisen verzehren, die uns überhaupt nicht guttun: Anders als der Name auf den ersten Blick vermuten lässt, untersuchen Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker nicht nur Lebensmittel. Auch Kosmetika, Tabakerzeugnisse und Gegenstände des täglichen Bedarfs sind Teil der Lebensmittelchemie. Dr. Christina Riemenschneider ist staatlich geprüfte und promovierte Lebensmittelchemikerin und seit 2018 Laborleiterin am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Freiburg. Ein abwechslungsreicher Job, der Arbeit im Labor, Austausch mit EU-Behörden, juristische Kenntnisse und Verbraucherschutz vortrefflich vereint.
Den Beruf der Lebensmittelchemikerinnen und Lebensmittelchemiker gibt es seit ungefähr 125 Jahren. Wie der Bundesverband der Lebensmittelchemiker/-innen im öffentlichen Dienst (BLC) mitteilt, prüfen, beurteilen und begleiten Lebensmittelchemikerinnen und Lebensmittelchemiker Produkte von der Rohstoffproduktion über die Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Vermarktung bis hin zum Verbraucher. Dr. Christina Riemenschneider war schon früh klar, dass sie ihr Weg in die Naturwissenschaften führen würde – schließlich waren diese Fachrichtungen und vor allem Mathematik ihre Lieblingsfächer in der Schule.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen:
Wie fanden Sie schließlich die für Sie passende berufliche Richtung in der Lebensmittelchemie?

Dr. Christina Riemenschneider: Gegen Ende der Schulzeit habe ich bewusst anderthalb Jahre auf den Konsum von Lebensmitteln, die raffinierten Zucker enthalten, verzichtet und mich viel mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Daher interessierte ich mich für den Studiengang Ernährungswissenschaften, entdeckte dann aber eher zufällig, dass es den Studiengang Lebensmittelchemie gibt. Letztlich habe ich mich für Lebensmittelchemie eingeschrieben und die Entscheidung zu keiner Zeit bereut. Während des Studiums haben sich sogar einige Module mit den Ernährungswissenschaften überschnitten.

Der Weg in den Beruf

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Wie können wir uns den Werdegang in Richtung Lebensmittelchemie vorstellen?

Dr. Christina Riemenschneider: Ich habe an der Universität Gießen Lebensmittelchemie im Bachelor und Master (insgesamt zehn Semester) studiert. Im Master hatten wir das Modul Umweltanalytik, das mich besonders interessiert hat und letztlich zukunftsweisend für meinen weiteren beruflichen Werdegang sein sollte. Daher habe ich mich für eine Masterarbeit im Landesbetrieb Hessisches Landeslabor (LHL) in Kassel zur Analytik von Antibiotika in Fermenterproben entschieden. Mit dem Masterabschluss hatten wir auch gleichzeitig den Abschluss zum 1. Staatsexamen. Im Anschluss an den Master habe ich im LHL das Praktische Jahr für das 2. Staatsexamen zur staatlich geprüften Lebensmittelchemikerin gemacht.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Lebensmittelchemie klingt erst einmal sehr abstrakt; doch was Sie tun, hat viel mit unser aller Leben zu tun. Das zeigt auch Ihre Promotion.

Dr. Christina Riemenschneider: Nach dem 2. Staatsexamen folgte meine Promotion am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. In meiner Dissertation habe ich untersucht, welche Spurenstoffe – insbesondere Arzneimittelwirkstoffe – von z.B. Tomaten oder Gurken aufgenommen werden, nachdem sie mit behandeltem Abwasser (aufgereinigtes Abwasser von Kläranlagen) bewässert wurden. Das Thema war sehr spannend und zudem realitätsnah, da in Gegenden mit langen Trockenperioden wie Israel, Jordanien oder Südspanien die Wiederverwendung von behandeltem Abwasser aufgrund der Wasserknappheit gängige Praxis ist. Während meiner Promotion habe ich auch die Gelegenheit gehabt für eine Woche zur Probennahme nach Jordanien zu reisen.

Porträt Frau Dr. Riemenschneider

Weniger Büro, mehr Labor

 

 

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Sie arbeiten heute auch auf europäischer Ebene. Das geht auch auf die Zeit nach Ihrer Promotion zurück – und da gab es so einige Erkenntnisse, oder?

Dr. Christina Riemenschneider: Genau. Im Anschluss an meine Promotion zur Lebensmittelchemikerin wollte ich gerne mal im Ausland arbeiten. Von Arbeitskollegen hatte ich erfahren, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Parma (Italien) jährlich für die Dauer von einem Jahr Traineestellen anbietet. Auf eine entsprechende Stelle im Pestizidbereich hatte ich mich dann beworben und die Zusage erhalten. Bei diesem Job handelte es sich zum ersten Mal um eine reine Bürotätigkeit. Die Aufgaben dabei waren:

Dr. Riemenschneider mit zwei Kollegen auf einer Straße Proben nehmen
  • Zulassungsanträge der Pestizidhersteller auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu überprüfen
  • und entsprechende Höchstgehalte für Pestizide in Lebensmitteln festzulegen

Die Erfahrung bei der EFSA möchte ich aber keinesfalls missen. Aus ihr habe ich gelernt, dass mir bei diesem Job die Nähe zum Labor auf Dauer fehlt und ich langfristig in einem Untersuchungsamt arbeiten möchte.
Bereits vor meiner Zeit in Italien stand für mich fest, dass ich mich gerne auf eine Stelle in einem Referenzlabor der Europäischen Union (EURL) bewerben möchte. Dort hätte ich die Möglichkeit, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig im Bereich Verbraucherschutz/Lebensmittelsicherheit tätig zu sein. In Deutschland gibt es drei EURLs, die für mich infrage kamen. Eines ist am CVUA in Stuttgart und zwei sind am CVUA in Freiburg angesiedelt. Zufällig war während meines Aufenthalts in Italien eine Laborleiterstelle im Pestizid- und Kontaminantenbereich am CVUA Freiburg ausgeschrieben, auf die ich mich beworben habe. Seit 2018 bin ich nun als Laborleiterin am CVUA Freiburg/EURL für Pestizide tätig.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Das klingt nach einigen sehr bewegenden Jahren, in denen Sie viel Erfahrung gesammelt haben. Hat es sich gelohnt, wie haben Sie es erlebt?

Dr. Christina Riemenschneider: Das Studium zur Lebensmittelchemikerin war zeitweise sehr anstrengend, da der Praxisanteil sehr hoch war. Praktika mit acht Stunden im Labor, oft mehrere Wochen am Stück, waren keine Seltenheit. Während meiner Zeit fanden Laborpraktika größtenteils in der vorlesungsfreien Zeit statt. Wer das Studium in der Regelstudienzeit von zehn Semestern durchziehen möchte, sollte sich auf wenig Ferien und Freizeit einstellen. Das lohnt sich aber, da die Zeit im Labor und auch die anschließenden beruflichen Möglichkeiten sehr spannend sind.

Rückstände in Fleisch, Fisch, Honig und Milch

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Viele Menschen wissen nicht, dass es den Beruf der Lebensmittelchemikerinnen gibt. Vielleicht sind jetzt einige neugierig geworden, die unser Gespräch lesen. Geben Sie uns doch mal einen Einblick in Ihre Aufgaben als Laborleiterin.

Dr. Christina Riemenschneider: Tatsächlich ist meine korrekte Berufsbezeichnung Laborleiterin im Bereich Pestizide und organische Kontaminanten. In dieser Position bin ich mitverantwortlich für die Untersuchung von Pestizidrückständen in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Honig oder Milch sowie für die Untersuchung von organischen Kontaminanten wie Pyrrolizidinalkaloiden, Tropanalkaloiden und Perfluorierten Alkylsubstanzen. Außerdem bin ich für die lebensmittelrechtliche Beurteilung der Untersuchungsergebnisse zuständig, die täglich im Labor generiert werden. Sofern in einer Probe zum Beispiel ein Pestizid-Höchstgehalt überschritten ist, schreibe ich ein Gutachten, was in der Regel dazu führt, dass die entsprechende Charge an Lebensmitteln nicht in den Verkehr gebracht wird, beziehungsweise in seltenen Fällen mit einem Rückruf aus den Läden gezogen wird.

Den Rückruf erkennen Verbraucherinnen und Verbraucher daran, dass an dem Regal des jeweiligen Produktes ein Hinweis hängt, dass Verpackungen mit einem bestimmten Mindesthaltbarkeitsdatum „z“ aufgrund von erhöhten Pestizidrückständen kostenlos zurückgegeben werden können.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Und wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus – kommen Sie als Laborleiterin überhaupt zur praktischen Arbeit im Labor?

Dr. Christina Riemenschneider: In meiner Abteilung sind auch zwei EURLs angesiedelt – dadurch ist mein Arbeitsalltag sehr abwechslungsreich. Er kann mit einem Online-Meeting mit der Europäischen Kommission in Brüssel beginnen, in dem es beispielsweise um die Festsetzung neuer Höchstgehalte geht und mit einer Laborbesprechung mit den technischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Labor enden. Ebenso kann es Tage geben, an denen man überwiegend im Labor beschäftigt ist und mit der Entwicklung und Optimierung neuer Analysemethoden verbringt. Ein- bis zweimal pro Jahr werden von den EURLs Workshops und Trainingskurse ausgerichtet, an denen Vertreter aller EU-Mitgliedsstaaten teilnehmen dürfen. Diese Treffen finden entweder bei uns in Freiburg oder in einem EU-Mitgliedsstaat statt. An diesen Tagen steht der fachliche Austausch in Form von Vorträgen und Diskussionen mit den Kollegen aus dem Ausland im Vordergrund.

Veröffentlicht: 02.11.2023

 

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Juristisches Fachwissen für die amtliche Lebensmittelüberwachung

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Was darf an Ihrem Arbeitsplatz nicht fehlen?

Dr. Christina Riemenschneider: Gesetzestexte. Wir sind zwar keine Juristen, aber viele Lebensmittelchemikerinnen absolvieren nach dem Studium noch ein einjähriges Praktikum in einer Überwachungsbehörde und legen im Anschluss die Prüfung zum 2. Staatsexamen ab. Während dieser Zeit lernt man insbesondere die Anwendung des Lebensmittelrechts. Und erst nach erfolgreich bestandenem 2. Staatsexamen darf man sich staatlich geprüfte Lebensmittelchemikerin nennen. Das ist Voraussetzung, um in der amtlichen Lebensmittelüberwachung arbeiten zu dürfen.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen:  Der Anteil von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen ist – noch – eher gering. Spielte es in Ihrer Laufbahn jemals eine Rolle, dass Sie eine Frau sind?

 Dr. Christina Riemenschneider: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich aufgrund meines Geschlechts benachteiligt werde. Im Gegenteil, im Studium hatte ich überwiegend Kommilitoninnen. Ich würde mir sogar wünschen, dass der Männeranteil steigt, damit es wieder etwas ausgeglichener wird.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen:  Was raten Sie jungen Frauen und Mädchen, die in Ihrer Branche erfolgreich werden wollen?

Dr. Christina Riemenschneider: Häufig sind die MINT-Berufe vielfältiger, als man denkt. Vieles ergibt sich erst im Laufe des Berufslebens. Und solange man bereit ist, sein ganzes Herzblut in diesen Beruf zu stecken und von einem Thema gefesselt ist, wird man auch Erfolg haben.

 

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