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Sprachassistenten, autonome Fahrhilfen und Müdigkeitserkennung – selten werden technologische Innovationen für Verbraucher:innen so direkt sichtbar wie im Auto. Für die Hersteller ist es wichtig, ihren Kund:innen immer die aktuellste Technik bieten zu können. Und wer dabei die Nase vorn haben möchte, braucht eine Zukunftsforscherin wie Maxine Benz.

Zukunftsforscherin Maxine Benz
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sitzen im Auto hinter dem Steuer, fahren am Wochenende über die Landstraße, das Wetter ist herrlich. Und dann läuft dieser eine Song im Radio, den Sie absolut nicht leiden können. Zeit für einen Senderwechsel. Sie können den Blick entspannt auf der Straße lassen, nur ein kurzer Gedanke an einen anderen Sender reicht, und schon wechselt die Frequenz.
Fahrzeugfunktionen per Gedanken bedienen – was sich wie eine Technologie aus einem Science-Fiction-Film anhört, ist bereits Realität und nennt sich „Brain-Computer-Interface“. Auch wenn diese Technik noch nicht in Serienfahrzeugen nutzbar ist, existiert sie bereits.

Zur Entwicklung dieser Innovation hat Maxine Benz maßgeblich beigetragen. Sie ist Zukunftsforscherin bei der Mercedes-Benz AG. Ihre Aufgabe: Sie sucht für den Autobauer in anderen Branchen nach Innovationen, die auch im Auto Anwendung finden können. In einem interdisziplinären Team werden diese Technologien dann weiterentwickelt, um sie sinnvoll für die Fahrzeuge einsetzen zu können. Im Interview erzählt uns Maxine Benz von ihrer Arbeit an der Schnittstelle zwischen Zukunft und Gegenwart sowie von ihrem Weg in den MINT-Bereich.

„Interdisziplinäre Teams sind extrem wichtig“

Landesinitiative für Frauen in MINT-Berufen: Frau Benz, wie sieht der Arbeitsplatz einer Zukunftsforscherin in einem Automobilunternehmen aus? Viele denken vielleicht direkt an große, weiße Räume, in denen futuristische Prototypen stehen und Menschen mit VR-Brillen arbeiten.

Maxine Benz: Ich arbeite in der Mercedes-Benz Konzernforschung, im Bereich Technologiemanagement. Große, weiße Räume haben wir hier keine, sondern wir arbeiten im Großraumbüro in sogenannten Co-Working-Spaces zusammen. Denn gerade in unserem Bereich ist es wichtig, dass interdisziplinäre Teams aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammenkommen und sich austauschen können. Natürlich haben wir neben dem klassischen Büro auch unsere Werkstätten, in denen wir unsere Forschungsinhalte in Prototypen einbauen und diese erproben und evaluieren. „Menschen mit VR-Brillen“ sind bei uns insbesondere im Mercedes-Benz eigenen VR-Lab zu finden.

Fahrzeug ohne Muskelbewegung bedienen – in der Zukunft möglich

L. F. i. M.-B.: Sie arbeiten bei Mercedes-Benz im Bereich Brain-Computer-Interface. Welche Ziele hat Ihre Forschung?

Maxine Benz: In meinem Tätigkeitsbereich suche ich vor allem nach Innovationen und neuen Technologien, die in 15 bis 20 Jahren für die Automobilindustrie relevant sein könnten und durch ihr disruptives Potenzial komplett neue Ansätze liefern können. Wenn wir etwas interessant finden, bewerten wir zunächst das Potenzial, versuchen die Technologie in weiterer Folge zu verstehen, zu evaluieren und Versuchsträger aufzubauen. Unser Arbeitsbereich ist in verschiedene Themenfelder aufgeteilt, wobei ich mich in meinem Bereich, den Human-Machine Technologies, mit Innovationen beschäftige, welche die Verbindung von Mensch und Maschine betreffen.

Bedienkonzepte im Fahrzeug werden immer innovativer, intuitiver und unterbreiten beispielsweise personalisierte Vorschläge. Als BCI (Brain-Computer-Interface) bezeichnen wir Schnittstellen vom Gehirn zu beliebigen Geräten – in unserem Fall zu einem Fahrzeug. Spannend ist das für uns vor allem deshalb, weil durch die direkte Verbindung keinerlei Muskelbewegungen notwendig sind. BCI unterstützt als eine einzigartige Bedienmöglichkeit somit unser Ziel als Luxusmarke, unseren Kund:innen ein Maximum an Komfort und Innovation zu bieten.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie sitzen im Auto und können Radiosender wechseln oder das Licht steuern, und das komplett unabhängig von Ihrer Sitzposition im Fahrzeug – das ist mit BCI-Technologie möglich und für uns ein Maximum an Komfort.

„BCI ist längst keine Science-Fiction mehr“

L. F. i. M.-B.: Wie lange wird es noch dauern, bis wir die Technologie im Auto nutzen können?

Maxine Benz: Das ist nicht mit wenigen Sätzen zu beantworten, weil es so viele verschiedene Arten dieser Schnittstellen gibt. Ein limitierender Faktor ist momentan noch das Headset, das sich die Nutzer:innen aufsetzen, um die Technologie erleben zu können. Da bei uns Nutzerfreundlichkeit an oberster Stelle steht, muss hier noch nach passenden Lösungen gesucht werden. Denkbar könnte etwa die Integration in die Kopfstütze sein. Momentan handelt es sich also noch um Zukunftsmusik, aber wenn wir an hochautomatisiert fahrende Autos denken, ist BCI eine sehr spannende Technologie, die denkbar ist, um Features im Auto zu steuern.

L. F. i. M.-B.: Auf welche Anwendungen und Technologien können wir uns noch einstellen, die wir bis jetzt vielleicht nur aus Science-Fiction-Filmen kennen? Können Sie uns hier schon etwas verraten?

Maxine Benz:  Gerade das Thema „Gedankensteuerung“ ist natürlich futuristisch und interessant für die Filmindustrie. Die Vorstellung, Nervensignale an einen Computer zu übertragen, liefert daher Stoff für neue Blockbuster. Für die Filme werden häufig Ansätze aus dem wissenschaftlichen Feld aufgegriffen und mit Wünschen ergänzt, die dann in verschiedene Richtungen ausformuliert werden. BCI ist aber längst keine Science-Fiction mehr. Einige Forschende und Unternehmen arbeiten daran, die positiven Aspekte dieser Visionen möglich zu machen.

So haben BCI-Systeme bereits heute im medizinischen Bereich eine große Bandbreite von Einsatzmöglichkeiten. Sie helfen beispielsweise bei der Steuerung externer Geräte wie Prothesen und Rollstühle oder bei der Kommunikation über gedankengesteuerte Buchstabierprogramme. Weiterentwicklungen machen BCIs immer leistungsfähiger und vielfältiger einsetzbar, z.B. für neue Benutzergruppen und Industrien. Wir können heute schon bestimmte Handlungsabsichten aufnehmen und Bewusstseinszustände optimieren, also Phänomene wie Aufmerksamkeit und Stress.

„Innovationen für die Zukunft sind der Schlüssel zum Erfolg“

L. F. i. M.-B.: Wie gehen Sie mit Rückschlägen während der Entwicklung um?

Maxine Benz: Herausforderungen bei der Weiterentwicklung solcher Themen, die noch weit in der Zukunft liegen – die Suche nach immer neuen Lösungswegen ist sowohl Kern meiner Arbeit als auch meine persönliche Motivation und für mich gerade das Spannende im Bereich Forschung. Ein Beispiel aus meinem Arbeitsbereich: Unser Gehirn ist ein unfassbar komplexer Speicher; und somit ist es herausfordernd, die richtige Neuronengruppe in Echtzeit zu identifizieren. Bereits kleine Artefakte wie Gesten oder Laute können das Hirnsignal beinträchtigen. Es ist möglich, über Algorithmen diese störenden Artefakte herauszurechnen und zu eliminieren. Unser Ziel ist es deshalb, den Reifegrad dieser Technologie so zu erhöhen, dass sie robuster wird. Hierfür Wege und Möglichkeiten zu finden, macht mir unheimlich viel Spaß.

L. F. i. M.-B.: Die Automobilbranche in Deutschland steht unter einem hohen Innovationsdruck. Inwiefern ist dieser für Sie in Ihrem Arbeitsalltag spürbar?

Maxine Benz: Innovationen sind der Schlüssel zum Erfolg; und als ein von zwei Ingenieuren gegründetes Unternehmen liegt das Erfinden in der DNA der Mercedes-Benz AG. So haben wir gerade das weltweit erste und bereits für Kund:innen kaufbare System zum hochautomatisierten Fahren vorgestellt. Ich persönlich verstehe unter Innovation den Anspruch nach Veränderung und kontinuierlicher Weiterentwicklung. Aus meiner Sicht ist das für jedes Unternehmen und jede Branche zu jeder Zeit von entscheidender Bedeutung. Letztlich ist Innovation Teil meines Aufgabengebiets. Daher ist, unabhängig von externen Einflüssen, mein Ansporn bei meiner Arbeit schon immer, dass wir nicht nach Trends, sondern „the next big thing“ suchen. Ich strebe es an, dass wir immer die neusten technischen Innovationen liefern, um die Technologie- und Innovationsführerschaft von Mercedes-Benz sicherzustellen.

„Technik hat mich schon immer fasziniert“

L. F. i. M.-B.: Sie arbeiten in einem Team, in dem Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Fachrichtungen ihre Kenntnisse einbringen. Aus welchen Bereichen kommen die Teammitglieder, und unter welchen Voraussetzungen wurde das Team zusammengestellt?

Maxine Benz: In meinem Team arbeiten wir interdisziplinär zusammen – von Physiker:innen bis hin zu Ingenieur:innen aus den Bereichen Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit unseren Nachbarteams zusammen, die sich zum Beispiel sehr genau mit ethischen Fragestellungen beschäftigen. Die Kolleg:innen in diesen Teams kommen insbesondere aus den verschiedenen Bereichen der Psychologie.

L. F. i. M.-B.: In technischen Berufen sind bis heute leider meist deutlich weniger Frauen als Männer vertreten. Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, damit hier eine Änderung erreicht werden kann?

Maxine Benz: Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten innerhalb des Oberbegriffs „Technische Berufe“, dass diese aus meiner Sicht mit sehr unterschiedlichen und vielfältigen Aufgabenprofilen einhergehen. Daher finde ich es wichtig, herauszufinden, wofür man eine Leidenschaft hat, und dass man dann – ganz unabhängig von Geschlechterbildern – die eigenen Stärken, Neigungen und Interessen verfolgt. Ein bisschen Mut und insbesondere eine starke intrinsische Motivation haben mich in die Welt des Maschinenbaus geführt – ein für mich erfolgreicher Weg, zu dem ich ermutigen kann.

L. F. i. M.-B.: Hat Ihr ursprünglicher Berufswunsch etwas mit Ihrer jetzigen Tätigkeit gemeinsam, oder sind Sie hier eher „hineingerutscht“?

 Maxine Benz: Technik hat mich schon immer fasziniert. An neuen technologischen Innovationen zu forschen und sich dabei von unterschiedlichsten Bereichen, wie beispielsweise der Medizin, inspirieren zu lassen und zu lernen, finde ich unglaublich spannend. Dazu in der Zukunft zu operieren und täglich Neuland zu betreten, kommt meinem ursprünglichen Berufswunsch sehr nahe.

„Ich kann nur dazu ermutigen, die eigene Leidenschaft zu verfolgen“

L. F. i. M.-B.: Wie sah Ihr beruflicher Weg bis zu der Position aus, in der Sie heute sind?

Maxine Benz: Ich habe mich nach dem Abitur für ein duales Studium entschieden, nach zwei Jahren Berufserfahrung noch einen Master in Wirtschaftsingenieurwesen gemacht und zudem Auslandserfahrung gesammelt, bis ich dann schließlich auf dieser Position gelandet bin.

L. F. i. M.-B.: Hatten Sie auf diesem Weg manchmal das Gefühl, anders als männliche Kommilitonen oder Kollegen behandelt zu werden? Und falls ja: Wie sind Sie damit umgegangen?

Maxine Benz: Sowohl im Studium als auch im beruflichen Kontext habe ich tolle Menschen kennengelernt, die mich auf meinem Weg begleitet, unterstützt, gefordert und gefördert haben. Daher habe ich bisher sehr positive Erfahrungen gemacht.

L. F. i. M.-B.: Was raten Sie jungen Frauen, die in einem derzeit von Männern dominierten Bereich arbeiten möchten?

Maxine Benz: Do it 😊!  Ich kann nur dazu ermutigen, die eigene Leidenschaft zu verfolgen und sich dabei nicht von Klischees oder Geschlechterbildern aufhalten zu lassen. Meine Arbeit macht mir großen Spaß und ich erlebe die Zusammenarbeit in diversen Teams als große Bereicherung.

L. F. i. M.-B.: Wie sieht für Sie ein gelungener Feierabend aus?

Maxine Benz: Direkt aus dem Büro mit meiner alten V50 Vespa zur Eisdiele zu fahren und danach Pizza mit Freunden.

Zukunftsforscherin Maxine Benz
Über Maxine Benz

Maxine Benz ist Zukunftsforscherin und Entwicklungsingenieurin bei der Mercedes-Benz AG. Sie sucht für den Autobauer in anderen Branchen nach Innovationen, die auch im Auto Anwendung finden können. Nach ihrem dualen Studium beim ADAC e.V.  in München hängte sie noch ein Masterstudium mit Schwerpunkt Maschinenbau an und sammelte Erfahrungen im Ausland.

Veröffentlicht: 05.08.2022

 

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