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Soziale Medien, Online-Shopping oder Newsticker – die digitale Welt ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. So geht es auch vielen Menschen mit Behinderungen, doch der Zugang zu den Angeboten ist für sie aufgrund digitaler Barrieren häufig gar nicht möglich. Saskia Bader ist Webentwicklerin und macht sich für digitale Barrierefreiheit stark. Sie weiß aus eigener Erfahrung, worauf es dabei ankommt, da sie mit einer Sehbehinderung und anderen Beeinträchtigungen geboren wurde. Warum sie sich nie von ihren Zielen abhalten ließ, erzählt sie im Interview.

Saskia Bader hält einen Vortrag zu digitaler Barrierefreiheit.

In der digitalen Welt bedeutet Barrierefreiheit das Gleiche wie bei Architektur und Stadtplanung: Es geht darum, dass alle Menschen Zugang zu einem Angebot haben. Saskia Bader weiß aus eigener Erfahrung, wie bedeutend die Barrierefreiheit bei digitalen Formaten ist. Die gebürtige Stuttgarterin hatte eine Ausbildung zur Software- und Anwendungsentwicklerin gemacht und ging anschließend nach Berlin. Dort erhoffte sie sich bessere Berufschancen. Das war offenbar eine gute Idee: Heute ist die 32-Jährige bereits über zehn Jahren in der IT-Branche als Webentwicklerin tätig. Doch die digitale Welt beschäftigt Saskia Bader nicht nur im Job: Sie bloggt, hält Vorträge und hat drei Bücher geschrieben. Darin thematisiert sie nicht nur digitale Barrierefreiheit und Digitalisierung im Allgemeinen, sondern richtet ihren Blick auch auf die persönliche Weiterentwicklung.

„Der Beruf gibt mir die Möglichkeit, die digitale Welt mitzugestalten.“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Frau Bader, Sie sind Software- und Anwendungsentwicklerin – warum haben Sie sich gerade für diesen Beruf entschieden? Was finden Sie daran besonders spannend?

Saskia Bader: Ich war schon früh davon fasziniert, Websites, Apps oder Computerspiele aus dem Nichts zu erschaffen. Der Beruf gibt mir die Möglichkeit, die digitale Welt mitzugestalten und mich regelmäßig mit spannenden neuen Technologien zu beschäftigen.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Ihr Sehvermögen ist seit der Geburt eingeschränkt. War Ihre Ausbildungseinrichtung auf Sehbehinderte spezialisiert?

Saskia Bader: Ja, ich habe die Ausbildung zur Fachinformatikerin im Bereich Anwendungsentwicklung bei einer Sehbehindertenschule in Marburg gemacht. Dort hatte ich auch schon meinen Schulabschluss gemacht. Dafür bin ich von meiner Familie aus Stuttgart weggezogen. Es war als Jugendliche und später als junge Erwachsene nicht immer leicht, wegen der Schule und Ausbildung so weit von meiner Familie entfernt zu leben, aber es hat sich gelohnt.

„Es war nicht leicht, meinen ersten Job in der IT-Branche zu bekommen.“ 

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Wie gestaltete sich Ihre Jobsuche, und gab es Hürden, die Sie überwinden mussten?

Saskia Bader: Es war nicht leicht, meinen ersten Job in der IT-Branche zu bekommen. Es gibt noch einige weit verbreitete Mythen, wie beispielsweise, dass Menschen mit einer Behinderung unkündbar seien, weshalb viele Unternehmen sehr zögerlich sind. Ich wurde auch mal zu einem Assessment Center eingeladen, bei dem ich alle Tests bestanden habe. Dennoch hatte die Personalverantwortliche Zweifel daran, dass ich bei mehreren, gleichzeitig geöffneten Fenstern auf dem Computer den Überblick behalten kann. Wegen solcher Argumente wurde ich oft abgelehnt. Dann habe ich einen auf meine Situation spezialisierten Job-Coach engagiert. Das Arbeitsamt hat die Kosten dafür bei erfolgreicher Vermittlung bezahlt. Er hat mit mir eine Strategie entwickelt: Wir haben uns persönlich bei Unternehmen vorgestellt, so dass sie uns nicht ignorieren konnten. Wenn die Verantwortlichen verunsichert waren, beriet sie mein Job-Coach zu Förderungsmöglichkeiten, Hilfsmitteln und ähnlichen organisatorischen Themen.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Wie ist es, als Softwareentwicklerin mit Sehbehinderung tätig zu sein – wie waren die Reaktionen Ihres Umfelds oder von Kollegen?

Saskia Bader: Meine Kolleginnen und Kollegen sowie mein Umfeld haben meist positiv reagiert, und ich kann meinen Beruf ohne Extra-Unterstützung ausüben. Da ich aber mit der Umsetzung von visuellen Website-Elementen nicht gut zurechtkomme, habe ich mich auf die Programmierung der Dinge spezialisiert, die unsichtbar im Hintergrund ablaufen. In der Fachsprache würde man mich also als Back-End-Entwicklerin bezeichnen.

Auch wenn ich für diesen Beruf qualifiziert bin, hatte ich – gerade zu Beginn meiner Karriere – auch vermehrt mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen. Ich habe oft gedacht, dass alle meine Kolleginnen und Kollegen schneller und besser sind als ich – nur weil sie gut sehen. Diese Gedanken treten heutzutage immer noch manchmal auf, aber viel seltener als am Anfang.

„Für digitale Barrierefreiheit im Allgemeinen gibt es hilfreiche Richtlinien.“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Sie wissen aus eigener Erfahrung, wo die Probleme beim Thema Barrierefreiheit von digitalen Anwendungen liegen. Woran wird bei der Entwicklung von Software und Co. häufig nicht oder noch zu wenig gedacht?

Saskia Bader: Mir persönlich machen oft Hinweis- oder Fehlermeldungen Probleme, die so schnell wieder ausgeblendet werden, dass ich mit dem Lesen nicht hinterherkomme. Ich brauche länger, um das „Aufpoppen“ einer solchen Meldung zu erkennen, und dann auch länger, sie zu erfassen. Wenn die Meldung nur für drei bis vier Sekunden erscheint, kann ich sie nicht zu Ende lesen und weiß dann auch nicht, ob es ein Problem gab oder eine Aktion erfolgreich durchgeführt wurde.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Wie lösen Sie demzufolge diese Probleme, und welche Möglichkeiten und Werkzeuge gibt es, um digitale Technologien für alle Menschen nutzbar zu machen?

Saskia Bader: Dieses konkrete Problem würde ich so lösen, dass ich die Meldung nicht zeitgesteuert wieder ausblenden lasse. Stattdessen bleibt sie so lange angezeigt, bis die Nutzerin oder der Nutzer sie durch Interagieren mit einem Bedienfeld selbst deaktiviert. So können Menschen mit Sehbehinderung oder Leseschwäche ihr eigenes Tempo bestimmen.
Für digitale Barrierefreiheit im Allgemeinen gibt es hilfreiche Richtlinien wie die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV). Anhand deren Kriterien kann man seine eigene Software oder Website überprüfen. Im Entwicklermodus fast jedes Internetbrowsers gibt es zudem Tools zur Überprüfung von Kontrasten, Alternativtexten von Bildern und anderen Aspekten der Barrierefreiheit. Sich diese Dinge mal anzuschauen, wäre meine Empfehlung für den Anfang.

„Mehr Barrierefreiheit bedeutet meist auch mehr und zufriedene Nutzer.“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Warum glauben Sie, dass das Konzept von Inklusion und Chancengleichheit bei der Softwareentwicklung wichtig ist? Und wie ist das in Ihrem beruflichen Alltag?

Saskia Bader: Ich finde es so wichtig, weil wir Entwicklerinnen und Entwickler großen Einfluss darauf haben, ob die Vorteile und Chancen der digitalen Welt allen zur Verfügung stehen – oder auch nicht. In meinem beruflichen Alltag hat dieser Aspekt leider noch nicht viel Raum, denn Kunden sehen oft nur den Zusatzaufwand und sind sich des geschäftlichen Wertes von Barrierefreiheit noch nicht bewusst. Mehr Barrierefreiheit bedeutet meist auch mehr und zufriedene Nutzer für das eigene digitale Produkt oder die Website. In meinen Vorträgen zeige ich Entwicklerinnen und Entwicklern deswegen auch Argumente auf, mit denen sie ihre Vorgesetzten vom Nutzen einer barrierefreien Software oder Onlinepräsenz überzeugen können.

„Ich habe wegen meiner Behinderung oft gehört: ‚Du kannst das nicht.‘“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Sie arbeiten nicht nur als Webentwicklerin, sondern halten auch Vorträge zum Thema Website- und Software-Barrierefreiheit – was hat Sie dazu bewogen?

Saskia Bader: Das ist ein Thema, über das sich Entwickler ohne Beeinträchtigung sowie IT-Firmen allgemein nur sehr selten Gedanken machen. Zum Glück ändert sich das gerade, und mehr Organisationen und Entwicklerteams werden auf das Thema aufmerksam. Ich möchte dazu beitragen, dass niemand in der digitalen Welt benachteiligt wird – denn eine Benachteiligung in der digitalen Welt kann sich auf das eigene, reale Leben auswirken. So könnte es sein, dass jemand einen neuen Job nicht ausführen kann, weil die bei der Arbeit eingesetzte Unternehmenssoftware nicht barrierefrei ist. Neben diesen gesellschaftlichen Aspekten kommt bei mir noch dazu, dass das Halten von Vorträgen für mich sehr erfüllend ist und mir viel Freude macht.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Sie sind inzwischen auch als Autorin tätig – Ihr Buch „Level Up dein Leben“ liefert (Über-) Lebenstipps für Gamer und Computernerds. Darin zeigen Sie auf, wie es gelingt, persönliche Ziele entgegen allen Widerständen zu erreichen. Was war für Sie der Auslöser, sich diesem Thema in einem Buch zu widmen?

Saskia Bader: Das Thema Ziele und Selbstmanagement ist nur ein Kapitel in diesem Buch; aber ich plane ein weiteres Buch, das sich diesem Thema widmet. Ich habe wegen meiner Behinderung oft gehört: „Du kannst das nicht.“ – ob von Mitmenschen oder in meinen eigenen Gedanken. Außerdem musste ich oft große Hürden überwinden – sei es bei der Jobsuche oder bei alltäglichen Dingen, die mir wegen meiner Sehbehinderung schwerer fallen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in einen Strudel aus Selbstzweifeln gesogen zu werden – aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, sein Ziel trotz der Hindernisse zu erreichen. Deshalb möchte ich andere ermutigen und biete jetzt zu diesem Thema auch Vorträge an – für Unternehmen, Schulen, Verbände und andere Organisationen.

„Lasst euch nicht abschrecken, ihr werdet gebraucht!“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Was können oder möchten Sie jungen Mädchen und Frauen mit auf den Weg geben, die wie Sie eine Ausbildung zur Software- und Anwendungsentwicklerin machen möchten?

Saskia Bader: Lasst euch nicht abschrecken, wenn ihr die einzige Frau in eurer Abteilung oder eurer Berufsschulklasse seid. Das war bei mir genauso. Ihr werdet gebraucht und könnt die Zukunft der digitalen Welt mitgestalten. Es lohnt sich!

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Eine letzte Frage: Wie entspannen Sie nach einem langen Arbeitstag?

Saskia Bader: Ich verbringe gerne viel Zeit mit Online-Anrufen mit meinen sehr engen Freunden aus England. Deren jahrelanger Rückhalt hat mir geholfen, meine Selbstzweifel immer wieder zu überwinden und mich mit meinen Herzensthemen in die Öffentlichkeit zu trauen. Ich spiele zum Entspannen auch gerne gewaltfreie Computerspiele wie Rätsel-Adventures oder Managementsimulationen.

Saskia Bader steht auf der Bühne und hält einen Vortrag vor Publikum.

Über Saskia Bader:

Die 32-Jährige lebt in Berlin und ist seit über 10 Jahren in der IT-Branche als Webentwicklerin tätig. Sie wurde mit einer Sehbehinderung und anderen Beeinträchtigungen geboren, lässt sich davon aber nicht zu sehr einschränken. Schon als Kind interessierte sich Saskia Bader fürs Programmieren. Gleich nach der Schule startete sie an der Schule für Menschen mit Sehbehinderung in Marburg eine Ausbildung zur Software- und Anwendungsentwicklerin. Heute arbeitet sie bei einem mittelständischen IT-Unternehmen und ist zudem als Bloggerin, Vortragsrednerin und Autorin tätig. Mit besonderem Engagement setzt sie sich für barrierefreie Software- und Webentwicklung ein.

Veröffentlicht: 29.03.2023

 

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