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Sie ist die erste Frau aus ihrer Familie mit Uniabschluss, die erste Ingenieurin – und die erste mit einer Pilotenlizenz. Charifan Osso brennt für die Fliegerei. In der Nähe von Stuttgart arbeitet sie daran, die Luftfahrt mit Hilfe von Wasserstoff zu revolutionieren.

Charifan Osso im Arbeitseinsatz auf dem Flugfeld
Charifan Osso brennt schon früh für die Fliegerei – heute arbeitet sie daran, Flugzeuge mit Wasserstoff anzutreiben. © H2Fly GmbH / Foto: Maks Richter

Sei es im Sommer nach Griechenland, oder am Wochenende nach London: Zu fliegen ist für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden. Das Problem daran ist offensichtlich – Der Flugverkehr schadet dem Klima. Weniger zu fliegen wird keine Lösung für die Problematik sein, denn seit 2009 bis zum Beginn der Pandemie ist die Zahl der Fluggäste in jedem Jahr gewachsen. Und der internationale Luftverkehrsverband rechnet für das Jahr 2024 mit dem nächsten Passagierrekord. Wenn wir die Zahl der Flüge nicht reduzieren können – dann vielleicht die Emissionen, die durch Flugzeuge verursacht werden. Eine solche technische Lösung entwickelt die Luftfahrtingenieurin Charifan Osso.

Die 26-Jährige brennt für die Luftfahrt. Sie hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Aerospace Engineering, eine Segelflugzeugpilotenlizenz, engagierte sich ehrenamtlich in dem studentischen Verein „Akaflieg Stuttgart“ an der Universität Stuttgart und ist seit Oktober 2021 Teil des Teams bei H2FLY in Stuttgart. Das Unternehmen arbeitet daran, Flugzeuge mit Wasserstoff anzutreiben. Im Interview erklärt uns Charifan Osso, warum der Weg bis dahin noch lang ist, wie es ist, als Frau im Aerospace Engineering Karriere zu machen, und welche Rolle ihre Familie dabei spielt.

 

Fliegen ganz ohne Kohlenstoffdioxid

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Frau Osso, Sie arbeiten seit Oktober 2021 bei H2FLY. Sie wirken dort an der Entwicklung von Flugzeugantrieben mit, die mit Wasserstoff betrieben werden. Welchen Vorteil sehen Sie in Wasserstoff-Flugzeugen im Vergleich zu herkömmlichen Maschinen? Wie weit ist die Entwicklung dieser Maschinen?

Charifan Osso: Der klare Vorteil ist das emissionsfreie Fliegen. Wasserstoff ist kein fossiler Brennstoff wie Kerosin, seine Nutzung ermöglicht einen in sich geschlossenen Kreislauf: Bei der Herstellung von grünem Wasserstoff werden aus Wasser (H2O) die einzelnen Moleküle Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen. Diese werden anschließend in einer Brennstoffzelle elektrochemisch unter Energieabgabe oxydiert und als Wasser wieder zurückgeführt. Es wird kein CO2 emittiert.

Die Entwicklung hat in den letzten zwei Jahren stark an Fahrt aufgenommen. Die bereits vor zehn Jahren gestarteten nationalen und europäischen Förderprojekte ermöglichen heute einen technologischen Vorsprung für Flugzeuge, die mit Wasserstoff-Brennstoffzellen-Systemen angetrieben werden. H2FLY betreibt mit der sogenannten HY4 das erste mit Wasserstoff angetriebene Passagierflugzeug im Alltag.

L. F. i. M. B.: Gibt es auch Nachteile? Was sind die größten Hürden, die wir auf dem Weg zur Luftfahrt mit Wasserstoff noch nehmen müssen – technisch und politisch?

Charifan Osso: Die größte Hürde ist die Zulassung. Die meisten Flugzeuge und Antriebssysteme werden von der Luftfahrtbehörde – in unserem Fall der Europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA – auf der Grundlage von Bauvorschriften genehmigt. Die Anforderungen sind unser Lastenheft, mit dem wir arbeiten müssen. Die Schwierigkeit besteht darin, den technischen Nachweis gegenüber noch nicht bekannten und etablierten Vorschriften zu erbringen. Hier leisten wir bei H2FLY Pionierarbeit, indem wir eigene Qualifizierungsrichtlinien entwerfen und erarbeiten. Weitere notwendige Punkte sind die Förderung der Infrastruktur und die Ausbildung der Mitarbeitenden.

Charifan Osso beim Fliegen
Als Teil der Hochschulgruppe „Akaflieg Stuttgart“ hatte Charifan Osso die Möglichkeit einen Prototyp zu entwickeln, zu bauen und den Erstflug mitzuerleben. © Charifan Osso

„Fliegen ist für mich die Leidenschaft, nach der ich mein Leben lang gesucht habe“

L. F. i. M.-B.: Bei einem Blick auf Ihren Lebenslauf wird schnell klar, dass Sie für die Luftfahrt brennen. Wie ist diese Leidenschaft entstanden? Was fasziniert Sie am Fliegen?

Charifan Osso: Man schaut als Kind immer zum Himmel und fragt sich: Ist er wirklich blau? Damals wusste ich gar nicht, dass es die Option zu fliegen gibt. Nach dem Abitur wollte ich etwas Technisches studieren und habe bei meiner Recherche den Studiengang Luft- und Raumfahrttechnik entdeckt. Als ich erfahren habe, dass es auch eine Hochschulgruppe gibt, die Studierenden das Fliegen beibringt, war für mich klar: Das will ich machen. Wenn ich dieses Fach studiere, möchte ich auch das Fliegen lernen. Und es war die richtige Entscheidung: Fliegen ist für mich die Leidenschaft, nach der ich mein Leben lang gesucht habe.

Alle Sorgen, die es am Boden gibt, können beim Fliegen dort gelassen werden, man fühlt sich frei. Beim Einsteigen ins Flugzeug ist man Herr beziehungsweise Frau über sich und das Flugzeug und trifft eigene Entscheidungen. Beim Blick über die Weite der Landschaft merkt man, wie klein die einzelne Person ist, und wie viele Dinge im Alltag doch belanglos sind. Dieses Gefühl von Freiheit und im Augenblick zu leben – das habe ich nur beim Fliegen.

„Frei vom festgelegten Lernstoff ist man viel kreativer“

L. F. i. M.-B.: Mit dem Studium Aerospace Engineering haben Sie sich für eine sehr technische, naturwissenschaftliche Karriere entschieden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich für den MINT-Bereich interessieren?

Charifan Osso: In der Mittelstufe im Chemieunterricht. Ich war mit einem Versuch, den wir durchführen sollten, sehr schnell fertig und habe eigenständig weiterexperimentiert. Danach kam unsere Lehrerin auf mich zu und lud mich in die „AG Jugend forscht“ am Nachmittag ein. Dort könnte ich, betreut von ihr und anderen Lehrkräften, weitere Experimente durchführen. Ich hatte große Freude daran, meine Nachmittage im Chemie- und Physiklabor zu verbringen und frei zu experimentieren. Dabei ist nicht nur meine Faszination für die Wissenschaft und Technik entstanden, sondern ich habe auch gemerkt: Frei vom festgelegten Lernstoff ist man viel kreativer und erhält ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge in der Wissenschaft. Ich bin vor der Jahrtausendwende geboren und habe die Entwicklungsgeschichte des Mobiltelefons und Tablets mitbekommen. Mich interessierte brennend, wie eine Technologie überhaupt entsteht. Als Schülerin war das für mich unvorstellbar, und das wollte ich verstehen lernen.

L. F. i. M.-B.: Was lernt man im Studium Aerospace Engineering konkret?

Charifan Osso: Zuerst lernt man das Handwerk von Ingenieur:innen. Dazu gehört: Wie ist der Weg von einer Idee zu einem Bauteil? Wie werden Flugzeuge oder Raketen gebaut? Welche Materialien gibt es? Oder wie wird die Stabilität eines Flugzeuges berechnet? Zum Studium gehören auch die allgemeine Naturwissenschaft sowie Strömungsmechanik, Auslegung, Konstruktion und Fertigung.

 

„Bei der Akaflieg habe ich das Fliegen gelernt“

L. F. i. M.-B.: Während Ihrer Studienzeit waren Sie in der Hochschulgruppe „Akaflieg Stuttgart“ aktiv. Was haben Sie dort gemacht? Was ist Ihnen aus dieser Zeit als Highlight in Erinnerung geblieben?

Charifan Osso: Lassen sie mich eines vorweg erklären: Die akadmeische Fliegergruppe Stuttgart, kurz „Akaflieg“, ist eine Studierendengruppe, die selbst Flugzeuge entwickelt, baut und auch fliegt. All das findet in Eigenleistung ehrenamtlich neben dem Studium statt. Dort habe ich, neben der Theorie im Studium, viel Praktisches lernen können. Ich konnte an Segelflugzeugen und Motorseglern mitarbeiten. Viel Praxis konnte ich auch bei der Arbeit an unserem Prototyp erlangen, den wir als langjähriges Projekt gestaltet haben. Dazu gehörten aber auch Arbeiten in der Werkstatt, also eine Idee zu entwickeln, umzusetzen und in den Flieger einzubauen.

Darüber hinaus war ich ein Jahr lang als Vorstandsmitglied der „Akaflieg“ aktiv und habe die Gruppe mit geleitet. Zusätzlich haben wir viele Workshops für Studierende angeboten und natürlich auch selbst daran teilgenommen. Auf diese Weise wurde das Wissen der Gruppe an neue Studierende weitergegeben. Es gab auch die Möglichkeit des flugwissenschaftlichen Fliegens. Das heißt, wir haben Segelflugzeuge mit Messgeräten ausgestattet und die Flüge selbst durchgeführt und ausgewertet.

Highlights gab es in dieser Zeit sehr viele, drei sind mir aber ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zuerst einmal die Gemeinschaft in dieser Hochschulgruppe sowie der intellektuelle Austausch mit den höheren Semestern. Dann natürlich die Möglichkeit, als Studentin einen Prototyp zu entwickeln, zu bauen und den Erstflug mitzuerleben. Das gibt es sonst nirgendwo, auch nicht in der großen Luftfahrt. Und nicht zuletzt: Ich habe in der „Akaflieg“ den Segelflugschein gemacht und dort das Fliegen gelernt.

„Als Frau sticht man im MINT-Bereich heraus“

L. F. i. M.-B.: In zahlreichen MINT-Studiengängen und MINT-Berufen sind Frauen noch in der Unterzahl. Gilt das auch für Ihren Bereich?

Charifan Osso: Das muss ich leider ganz klar mit ja beantworten. In meinem Studiengang gab es bei 350 Studierenden lediglich zwölf Prozent Frauen. Auch in meinem Team bei H2FLY bin ich mitunter die einzige Frau.

L. F. i. M.-B.: Wie sind Sie bisher mit dieser Situation zurechtgekommen? Gab es Momente, in denen Sie anders behandelt wurden als Männer?

Charifan Osso: Als Frau sticht man in den meisten technischen Berufen meist hervor. Mir ist aber aufgefallen, dass alle besonders darauf geachtet haben, mich nicht anders als meine männlichen Kommilitonen oder Kollegen zu behandeln. Deshalb hatte ich nie den Eindruck, bevorzugt oder benachteiligt zu werden.

L. F. i. M.-B.: Anlässlich Ihres Masterabschlusses haben Sie auf LinkedIn einen Beitrag veröffentlicht, der auf große Resonanz gestoßen ist. In dem Post bedanken Sie sich unter anderem sehr persönlich bei Ihrer Familie. Welche Rolle spielte Ihre Familie auf Ihrem Weg?

Charifan Osso: Meine Familie und ich kommen aus Syrien. Meine Eltern hatten wenig Chancen auf Bildung in Syrien. Meine Mutter durfte keinen Schulabschluss machen, mein Vater konnte sich – aufgrund unserer nicht-muslimischen Konfession – nicht den Studiengang aussuchen, den er wollte. Deshalb haben meine Eltern sich für mich und meine Geschwister Bildung gewünscht und sind mit uns nach Deutschland gezogen. Sie wollten, dass wir die Chancen nutzen, die man hier erhalten kann. Der Studiengang Luft- und Raumfahrttechnik war für meine Eltern zwar sehr überraschend, doch sie hatten größtes Verständnis für mich und haben mich überall unterstützt. Aus diesem Grund habe ich nicht nur für mich selbst studiert, sondern auch für meine Eltern.

„Ohne meine Chemielehrerin hätte ich wahrscheinlich nie den MINT-Bereich entdeckt“

L. F. i. M.-B.: In dem Beitrag beschreiben Sie auch, welche Bedeutung Bildung in der heutigen Gesellschaft hat. Muss sich im Bildungssystem etwas ändern, damit mehr Mädchen eine Zukunft im MINT-Bereich für sich sehen? Welche Möglichkeiten sehen Sie hier?

Charifan Osso: Muss sich das Bildungssystem ändern? Auf jeden Fall. Denn hätte ich nicht meine Chemielehrerin in der Mittelstufe getroffen, hätte ich wahrscheinlich nie den MINT-Bereich entdeckt. Hier hat sich für mich eine einmalige Chance ergeben. Und ich weiß nicht, ob es viele solcher Lehrer:innen gibt, die so wie sie gehandelt hätten. Deswegen finde ich, dass Schulen Technik als Pflichtfach anbieten sollten. Es sollte praktisch und anwendungsbezogen sein, und nicht nur theoretisch. Eine Verbildlichung vertieft das Verständnis und weckt auch ein größeres Interesse. Das wäre meiner Ansicht nach die Lösung.

Darüber hinaus sollte es zusätzliche Angebote im MINT-Bereich wie zum Beispiel Besuche von Schulen in Unternehmen geben. Unsere Schulklasse konnte ein Biolabor in einem Pharmakonzern besichtigen, wo wir im Labor auch Experimente durchführen konnten. Zwei Freundinnen von mir haben im Anschluss überlegt, Biologie zu studieren.

L. F. i. M.-B.: Was empfehlen Sie Mädchen und jungen Frauen, die wie Sie Ingenieurin werden möchten?

Charifan Osso: Bringt Durchhaltevermögen mit und lasst Euch nicht von der Materie abschrecken. Alles ist erlernbar. Jeder hat sein eigenes Tempo, Dinge zu lernen. Deshalb muss man auch nicht unbedingt in der Regelstudienzeit fertig werden. Viel wichtiger ist es, das Verständnis als Ingenieurin zu erhalten, denn das erleichtert vieles im Beruf. Nicht zuletzt: Immer das Ziel vor Augen behalten.

Das erste Wasserstoff-Flugzeug soll 2025 fliegen

L. F. i. M.-B.: Wann können wir mit dem ersten Wasserstoff-Flugzeug im regulären Flugverkehr rechnen?

Charifan Osso: H2FLY rüstet ein Flugzeug vom Typ Dornier 328 (max. 40 Passagiere) für den wasserstoff-elektrischen Passagierflug um – zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Deutsche Aircraft, Diehl Aviation sowie sechs weiteren Partnern. Das einzigartige hybrid-elektrisch betriebene Demonstrationsflugzeug soll erstmals im Jahr 2025 abheben.

Portraitbild von Charifan Osso

Bild: © Charifan Osso

Infos zu Charifan Osso

Charifan Osso absolvierte den Bachelor- sowie den Masterstudiengang Aerospace Engineering der Universität Stuttgart. Während des Studiums war sie aktives Mitglied in dem Studierendenverein „Akaflieg Stuttgart“. Bereits während dieser Zeit interessierte sie sich sehr für die Entwicklung nachhaltiger Flugzeuge und arbeitete gemeinsam mit Kommiliton:innen der Studierendengruppe an Prototypen.
Seit Oktober 2021 arbeitet Charifan Osso bei H2FLY in Stuttgart als Luftfahrtingenieurin für nachhaltige Brennstoffzellen-Antriebssysteme.

Veröffentlicht: 29.04.2022

 

Lesen Sie passend dazu auch die Interviews mit weiteren MINT-Heldinnen, die sich mit aktuellen Themen beschäftigen:

    Sie ist die erste Frau aus ihrer Familie mit Uniabschluss, die erste Ingenieurin – und die erste mit einer Pilotenlizenz. Charifan Osso brennt für die Fliegerei. In der Nähe von Stuttgart arbeitet sie daran, die Luftfahrt mit Hilfe von Wasserstoff zu revolutionieren.

    Charifan Osso im Arbeitseinsatz auf dem Flugfeld
    Charifan Osso brennt schon früh für die Fliegerei – heute arbeitet sie daran, Flugzeuge mit Wasserstoff anzutreiben. © H2Fly GmbH / Foto: Maks Richter

    Sei es im Sommer nach Griechenland, oder am Wochenende nach London: Zu fliegen ist für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden. Das Problem daran ist offensichtlich – Der Flugverkehr schadet dem Klima. Weniger zu fliegen wird keine Lösung für die Problematik sein, denn seit 2009 bis zum Beginn der Pandemie ist die Zahl der Fluggäste in jedem Jahr gewachsen. Und der internationale Luftverkehrsverband rechnet für das Jahr 2024 mit dem nächsten Passagierrekord. Wenn wir die Zahl der Flüge nicht reduzieren können – dann vielleicht die Emissionen, die durch Flugzeuge verursacht werden. Eine solche technische Lösung entwickelt die Luftfahrtingenieurin Charifan Osso.

    Die 26-Jährige brennt für die Luftfahrt. Sie hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Aerospace Engineering, eine Segelflugzeugpilotenlizenz, engagierte sich ehrenamtlich in dem studentischen Verein „Akaflieg Stuttgart“ an der Universität Stuttgart und ist seit Oktober 2021 Teil des Teams bei H2FLY in Stuttgart. Das Unternehmen arbeitet daran, Flugzeuge mit Wasserstoff anzutreiben. Im Interview erklärt uns Charifan Osso, warum der Weg bis dahin noch lang ist, wie es ist, als Frau im Aerospace Engineering Karriere zu machen, und welche Rolle ihre Familie dabei spielt.

     

    Fliegen ganz ohne Kohlenstoffdioxid

    Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Frau Osso, Sie arbeiten seit Oktober 2021 bei H2FLY. Sie wirken dort an der Entwicklung von Flugzeugantrieben mit, die mit Wasserstoff betrieben werden. Welchen Vorteil sehen Sie in Wasserstoff-Flugzeugen im Vergleich zu herkömmlichen Maschinen? Wie weit ist die Entwicklung dieser Maschinen?

    Charifan Osso: Der klare Vorteil ist das emissionsfreie Fliegen. Wasserstoff ist kein fossiler Brennstoff wie Kerosin, seine Nutzung ermöglicht einen in sich geschlossenen Kreislauf: Bei der Herstellung von grünem Wasserstoff werden aus Wasser (H2O) die einzelnen Moleküle Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen. Diese werden anschließend in einer Brennstoffzelle elektrochemisch unter Energieabgabe oxydiert und als Wasser wieder zurückgeführt. Es wird kein CO2 emittiert.

    Die Entwicklung hat in den letzten zwei Jahren stark an Fahrt aufgenommen. Die bereits vor zehn Jahren gestarteten nationalen und europäischen Förderprojekte ermöglichen heute einen technologischen Vorsprung für Flugzeuge, die mit Wasserstoff-Brennstoffzellen-Systemen angetrieben werden. H2FLY betreibt mit der sogenannten HY4 das erste mit Wasserstoff angetriebene Passagierflugzeug im Alltag.

    L. F. i. M. B.: Gibt es auch Nachteile? Was sind die größten Hürden, die wir auf dem Weg zur Luftfahrt mit Wasserstoff noch nehmen müssen – technisch und politisch?

    Charifan Osso: Die größte Hürde ist die Zulassung. Die meisten Flugzeuge und Antriebssysteme werden von der Luftfahrtbehörde – in unserem Fall der Europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA – auf der Grundlage von Bauvorschriften genehmigt. Die Anforderungen sind unser Lastenheft, mit dem wir arbeiten müssen. Die Schwierigkeit besteht darin, den technischen Nachweis gegenüber noch nicht bekannten und etablierten Vorschriften zu erbringen. Hier leisten wir bei H2FLY Pionierarbeit, indem wir eigene Qualifizierungsrichtlinien entwerfen und erarbeiten. Weitere notwendige Punkte sind die Förderung der Infrastruktur und die Ausbildung der Mitarbeitenden.

    Charifan Osso beim Fliegen
    Als Teil der Hochschulgruppe „Akaflieg Stuttgart“ hatte Charifan Osso die Möglichkeit einen Prototyp zu entwickeln, zu bauen und den Erstflug mitzuerleben. © Charifan Osso

    „Fliegen ist für mich die Leidenschaft, nach der ich mein Leben lang gesucht habe“

    L. F. i. M.-B.: Bei einem Blick auf Ihren Lebenslauf wird schnell klar, dass Sie für die Luftfahrt brennen. Wie ist diese Leidenschaft entstanden? Was fasziniert Sie am Fliegen?

    Charifan Osso: Man schaut als Kind immer zum Himmel und fragt sich: Ist er wirklich blau? Damals wusste ich gar nicht, dass es die Option zu fliegen gibt. Nach dem Abitur wollte ich etwas Technisches studieren und habe bei meiner Recherche den Studiengang Luft- und Raumfahrttechnik entdeckt. Als ich erfahren habe, dass es auch eine Hochschulgruppe gibt, die Studierenden das Fliegen beibringt, war für mich klar: Das will ich machen. Wenn ich dieses Fach studiere, möchte ich auch das Fliegen lernen. Und es war die richtige Entscheidung: Fliegen ist für mich die Leidenschaft, nach der ich mein Leben lang gesucht habe.

    Alle Sorgen, die es am Boden gibt, können beim Fliegen dort gelassen werden, man fühlt sich frei. Beim Einsteigen ins Flugzeug ist man Herr beziehungsweise Frau über sich und das Flugzeug und trifft eigene Entscheidungen. Beim Blick über die Weite der Landschaft merkt man, wie klein die einzelne Person ist, und wie viele Dinge im Alltag doch belanglos sind. Dieses Gefühl von Freiheit und im Augenblick zu leben – das habe ich nur beim Fliegen.

    „Frei vom festgelegten Lernstoff ist man viel kreativer“

    L. F. i. M.-B.: Mit dem Studium Aerospace Engineering haben Sie sich für eine sehr technische, naturwissenschaftliche Karriere entschieden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich für den MINT-Bereich interessieren?

    Charifan Osso: In der Mittelstufe im Chemieunterricht. Ich war mit einem Versuch, den wir durchführen sollten, sehr schnell fertig und habe eigenständig weiterexperimentiert. Danach kam unsere Lehrerin auf mich zu und lud mich in die „AG Jugend forscht“ am Nachmittag ein. Dort könnte ich, betreut von ihr und anderen Lehrkräften, weitere Experimente durchführen. Ich hatte große Freude daran, meine Nachmittage im Chemie- und Physiklabor zu verbringen und frei zu experimentieren. Dabei ist nicht nur meine Faszination für die Wissenschaft und Technik entstanden, sondern ich habe auch gemerkt: Frei vom festgelegten Lernstoff ist man viel kreativer und erhält ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge in der Wissenschaft. Ich bin vor der Jahrtausendwende geboren und habe die Entwicklungsgeschichte des Mobiltelefons und Tablets mitbekommen. Mich interessierte brennend, wie eine Technologie überhaupt entsteht. Als Schülerin war das für mich unvorstellbar, und das wollte ich verstehen lernen.

    L. F. i. M.-B.: Was lernt man im Studium Aerospace Engineering konkret?

    Charifan Osso: Zuerst lernt man das Handwerk von Ingenieur:innen. Dazu gehört: Wie ist der Weg von einer Idee zu einem Bauteil? Wie werden Flugzeuge oder Raketen gebaut? Welche Materialien gibt es? Oder wie wird die Stabilität eines Flugzeuges berechnet? Zum Studium gehören auch die allgemeine Naturwissenschaft sowie Strömungsmechanik, Auslegung, Konstruktion und Fertigung.

     

    „Bei der Akaflieg habe ich das Fliegen gelernt“

    L. F. i. M.-B.: Während Ihrer Studienzeit waren Sie in der Hochschulgruppe „Akaflieg Stuttgart“ aktiv. Was haben Sie dort gemacht? Was ist Ihnen aus dieser Zeit als Highlight in Erinnerung geblieben?

    Charifan Osso: Lassen sie mich eines vorweg erklären: Die akadmeische Fliegergruppe Stuttgart, kurz „Akaflieg“, ist eine Studierendengruppe, die selbst Flugzeuge entwickelt, baut und auch fliegt. All das findet in Eigenleistung ehrenamtlich neben dem Studium statt. Dort habe ich, neben der Theorie im Studium, viel Praktisches lernen können. Ich konnte an Segelflugzeugen und Motorseglern mitarbeiten. Viel Praxis konnte ich auch bei der Arbeit an unserem Prototyp erlangen, den wir als langjähriges Projekt gestaltet haben. Dazu gehörten aber auch Arbeiten in der Werkstatt, also eine Idee zu entwickeln, umzusetzen und in den Flieger einzubauen.

    Darüber hinaus war ich ein Jahr lang als Vorstandsmitglied der „Akaflieg“ aktiv und habe die Gruppe mit geleitet. Zusätzlich haben wir viele Workshops für Studierende angeboten und natürlich auch selbst daran teilgenommen. Auf diese Weise wurde das Wissen der Gruppe an neue Studierende weitergegeben. Es gab auch die Möglichkeit des flugwissenschaftlichen Fliegens. Das heißt, wir haben Segelflugzeuge mit Messgeräten ausgestattet und die Flüge selbst durchgeführt und ausgewertet.

    Highlights gab es in dieser Zeit sehr viele, drei sind mir aber ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zuerst einmal die Gemeinschaft in dieser Hochschulgruppe sowie der intellektuelle Austausch mit den höheren Semestern. Dann natürlich die Möglichkeit, als Studentin einen Prototyp zu entwickeln, zu bauen und den Erstflug mitzuerleben. Das gibt es sonst nirgendwo, auch nicht in der großen Luftfahrt. Und nicht zuletzt: Ich habe in der „Akaflieg“ den Segelflugschein gemacht und dort das Fliegen gelernt.

    „Als Frau sticht man im MINT-Bereich heraus“

    L. F. i. M.-B.: In zahlreichen MINT-Studiengängen und MINT-Berufen sind Frauen noch in der Unterzahl. Gilt das auch für Ihren Bereich?

    Charifan Osso: Das muss ich leider ganz klar mit ja beantworten. In meinem Studiengang gab es bei 350 Studierenden lediglich zwölf Prozent Frauen. Auch in meinem Team bei H2FLY bin ich mitunter die einzige Frau.

    L. F. i. M.-B.: Wie sind Sie bisher mit dieser Situation zurechtgekommen? Gab es Momente, in denen Sie anders behandelt wurden als Männer?

    Charifan Osso: Als Frau sticht man in den meisten technischen Berufen meist hervor. Mir ist aber aufgefallen, dass alle besonders darauf geachtet haben, mich nicht anders als meine männlichen Kommilitonen oder Kollegen zu behandeln. Deshalb hatte ich nie den Eindruck, bevorzugt oder benachteiligt zu werden.

    L. F. i. M.-B.: Anlässlich Ihres Masterabschlusses haben Sie auf LinkedIn einen Beitrag veröffentlicht, der auf große Resonanz gestoßen ist. In dem Post bedanken Sie sich unter anderem sehr persönlich bei Ihrer Familie. Welche Rolle spielte Ihre Familie auf Ihrem Weg?

    Charifan Osso: Meine Familie und ich kommen aus Syrien. Meine Eltern hatten wenig Chancen auf Bildung in Syrien. Meine Mutter durfte keinen Schulabschluss machen, mein Vater konnte sich – aufgrund unserer nicht-muslimischen Konfession – nicht den Studiengang aussuchen, den er wollte. Deshalb haben meine Eltern sich für mich und meine Geschwister Bildung gewünscht und sind mit uns nach Deutschland gezogen. Sie wollten, dass wir die Chancen nutzen, die man hier erhalten kann. Der Studiengang Luft- und Raumfahrttechnik war für meine Eltern zwar sehr überraschend, doch sie hatten größtes Verständnis für mich und haben mich überall unterstützt. Aus diesem Grund habe ich nicht nur für mich selbst studiert, sondern auch für meine Eltern.

    „Ohne meine Chemielehrerin hätte ich wahrscheinlich nie den MINT-Bereich entdeckt“

    L. F. i. M.-B.: In dem Beitrag beschreiben Sie auch, welche Bedeutung Bildung in der heutigen Gesellschaft hat. Muss sich im Bildungssystem etwas ändern, damit mehr Mädchen eine Zukunft im MINT-Bereich für sich sehen? Welche Möglichkeiten sehen Sie hier?

    Charifan Osso: Muss sich das Bildungssystem ändern? Auf jeden Fall. Denn hätte ich nicht meine Chemielehrerin in der Mittelstufe getroffen, hätte ich wahrscheinlich nie den MINT-Bereich entdeckt. Hier hat sich für mich eine einmalige Chance ergeben. Und ich weiß nicht, ob es viele solcher Lehrer:innen gibt, die so wie sie gehandelt hätten. Deswegen finde ich, dass Schulen Technik als Pflichtfach anbieten sollten. Es sollte praktisch und anwendungsbezogen sein, und nicht nur theoretisch. Eine Verbildlichung vertieft das Verständnis und weckt auch ein größeres Interesse. Das wäre meiner Ansicht nach die Lösung.

    Darüber hinaus sollte es zusätzliche Angebote im MINT-Bereich wie zum Beispiel Besuche von Schulen in Unternehmen geben. Unsere Schulklasse konnte ein Biolabor in einem Pharmakonzern besichtigen, wo wir im Labor auch Experimente durchführen konnten. Zwei Freundinnen von mir haben im Anschluss überlegt, Biologie zu studieren.

    L. F. i. M.-B.: Was empfehlen Sie Mädchen und jungen Frauen, die wie Sie Ingenieurin werden möchten?

    Charifan Osso: Bringt Durchhaltevermögen mit und lasst Euch nicht von der Materie abschrecken. Alles ist erlernbar. Jeder hat sein eigenes Tempo, Dinge zu lernen. Deshalb muss man auch nicht unbedingt in der Regelstudienzeit fertig werden. Viel wichtiger ist es, das Verständnis als Ingenieurin zu erhalten, denn das erleichtert vieles im Beruf. Nicht zuletzt: Immer das Ziel vor Augen behalten.

    Das erste Wasserstoff-Flugzeug soll 2025 fliegen

    L. F. i. M.-B.: Wann können wir mit dem ersten Wasserstoff-Flugzeug im regulären Flugverkehr rechnen?

    Charifan Osso: H2FLY rüstet ein Flugzeug vom Typ Dornier 328 (max. 40 Passagiere) für den wasserstoff-elektrischen Passagierflug um – zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Deutsche Aircraft, Diehl Aviation sowie sechs weiteren Partnern. Das einzigartige hybrid-elektrisch betriebene Demonstrationsflugzeug soll erstmals im Jahr 2025 abheben.

    Portraitbild von Charifan Osso

    Bild: © Charifan Osso

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    Charifan Osso absolvierte den Bachelor- sowie den Masterstudiengang Aerospace Engineering der Universität Stuttgart. Während des Studiums war sie aktives Mitglied in dem Studierendenverein „Akaflieg Stuttgart“. Bereits während dieser Zeit interessierte sie sich sehr für die Entwicklung nachhaltiger Flugzeuge und arbeitete gemeinsam mit Kommiliton:innen der Studierendengruppe an Prototypen.
    Seit Oktober 2021 arbeitet Charifan Osso bei H2FLY in Stuttgart als Luftfahrtingenieurin für nachhaltige Brennstoffzellen-Antriebssysteme.

    Veröffentlicht: 29.04.2022

     

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