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Die IT-Spezialistin und SAP-Aufsichtsrätin Christine Regitz ist sich sicher: Ohne Frauen sind der digitale Wandel und die Zukunftssicherung des Innovationsstandorts Deutschland nicht zu stemmen. Sie fordert: Mehr Frauen an die Schalthebel des technologischen Wandels!

SAP-Aufsichtsrätin Christine Regitz steht auf einem Podium und spricht über den digitalen Wandel.

Digitalisierung – was als technologische Innovation begann, steht längst auch für wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Aufbruch. Initiativen wie SheTransformsIT arbeiten daran, die Digitalisierung durch Diversität und Vielfalt gerechter, innovativer und erfolgreicher zu gestalten. Das Ziel ist also nicht allein die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am digitalen Wandel, sondern in der Folge auch die nachhaltige Zukunftssicherung von Innovationen und der Erfolg des IT-Standorts Deutschland. Laut einer Bitkom-Umfrage ist allerdings noch immer nur etwa jede sechste IT-Fachkraft weiblich, während jede siebte Bewerbung auf einen Job in der IT-Branche von einer Frau kommt.

Christine Regitz ist neben ihren Funktionen als Aufsichtsrätin und IT-Spezialistin bei der SAP SE in Walldorf auch eine der Initiatorinnen von SheTransformsIT. Eine ihrer wichtigsten Botschaften ist, dass Innovation dort entsteht, wo verschiedenartige Hintergründe zusammenkommen und gemeinsam an der Lösung eines Problems arbeiten. Im Interview mit der Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ spricht sie über mögliche Stellschrauben, um die Teilhabe von Frauen am digitalen Wandel zu vergrößern, wie auch über ihren eigenen fachlichen Hintergrund und ihre Einschätzung des Frauen-MINT-Mangels.

Was wir im digitalen Wandel brauchen? Digitalgestalterinnen!

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Sie gehören zu den Initiatorinnen von SheTransformsIT, einer Initiative von Wirtschaft und Politik, um mehr Frauen am digitalen Wandel zu beteiligen. Die Initiative fordert gleich mehrere Dinge und richtet sich an Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Politik. In den Zielen steht etwa, dass schon junge Schülerinnen in der Schule für das Thema Digitalisierung begeistert werden sollen. Welcher Gedanke bildete den Grundstein für die Initiative?

Christine Regitz: Innovationskraft braucht Diversität. Der Leitgedanke der Initiative spiegelt das sehr schön wider: Die Initiative #SheTransformsIT sucht als breites Bündnis konkret anwendbare und sektorübergreifende Lösungen, um Frauen in Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft als Digitalgestalterinnen einzubinden. Gerade der Aspekt des Gestaltens ist für mich zentral. Und wir brauchen hier viel mehr sichtbare Vorbilder, die nah an der Lebensrealität der jungen Menschen sind. Wir müssen auch viel mehr dafür tun, zu zeigen, dass die sogenannte Digitalwirtschaft ein attraktiver und zukunftssicherer Arbeitsort ist.

„Ich finde, dass sich Frauen mehr einmischen sollten, um ihre Perspektiven im digitalen Wandel repräsentiert zu wissen.“

L. F. i. M.-B.: Im Rahmen der Initiative sagen Sie und andere, dass der Innovationsstandort Deutschland nur Zukunft habe, wenn Frauen aktiv(er) am digitalen Wandel beteiligt würden. Ist diese Forderung schon bei allen Adressaten angekommen?

 Christine Regitz: Ich fürchte, leider noch nicht flächendeckend. Wichtig ist es hier früh anzusetzen, in der Schule und der Berufsorientierung bei den Mädchen und jungen Frauen. Denn wir brauchen sie in ausreichender Zahl und müssen sie für Technologie im breitesten Sinne begeistern. Und Technologie ist nicht nur Ingenieursausbildung, sondern viel mehr – und das müssen wir viel deutlicher herausstellen. Beispielsweise brauchen wir in der Software-Entwicklung nicht nur Menschen, die programmieren, sondern auch solche, die designen, beraten und dokumentieren. Wir brauchen Expertise aus unterschiedlichen Branchen, denn wenn ich – um nur ein Beispiel zu nennen – Software für einen Energieversorger oder eine Bank entwickeln möchte, brauche ich Menschen, die verstehen, wie ein Energieversorger oder eine Bank funktionieren, wie die Geschäftsprozesse aussehen. Und diese Geschäftsprozesse sind derzeit im Wandel, eben durch Digitalisierung.

Ich glaube an den Fortschritt und ich glaube insbesondere an den technologischen Fortschritt. Ich finde, dass sich Frauen mehr einmischen sollten, um ihre Perspektiven repräsentiert zu wissen.  Ansonsten überlassen wir den Männern das Feld, alles in ihrem Framework und mit ihrem Bewusstsein zu lösen. Ein Beispiel, das ich dazu in Erinnerung habe, ist: Vor nicht allzu langer Zeit machte ein automatischer Seifenspender Schlagzeilen, dessen Sensor nur auf weiße, aber nicht auf dunkle Haut reagiert hat. Menschen mit dunkler Hand bekamen also keine Seife zum Händewaschen. Hier war anscheinend vergessen worden, den Seifenspender durch Menschen unterschiedlicher Hautfarbe testen zu lassen.

„Diversität ist eine elementar wichtige Grundlage für Innovation und digitalen Wandel.“

L. F. i. M.-B.: Welche Qualitäten sind es, die Sie hier als notwendig erachten und die nur durch gleichberechtigte Teilhabe durch Frauen in den digitalen Wandel bzw. in Digitalisierung und Innovation eingebracht werden können?

Christine Regitz: Ich bin davon überzeugt, dass Pluralismus bzw. Diversität im Denken und in Herangehensweisen eine elementar wichtige Grundlage für Innovation ist. Es ist wichtig, die Welt mit anderen bzw. unterschiedlichen Augen zu sehen, jemand anderem zuzuhören, gerade jemandem mit einer anderen Sichtweise, und dann verschiedene Perspektiven zu diskutieren. Gezielt auch mal in die Schuhe des Gegenübers zu schlüpfen. Dazu bedarf es ganz viel Kommunikation und damit Kommunikationsfähigkeit, natürlich Empathie und schlussendlich Teamfähigkeit.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir Frauen ein fundiertes technisches Verständnis entwickeln, um die weibliche Perspektive und Bedürfnisse beispielsweise bei der Entwicklung neuer Produkte mit einzubringen. Unser Ziel muss daher sein, Mädchen früh für technische Themen zu begeistern, ihnen spannende Angebote zu machen.

Innovation liegt auch darin, Bestehendes neu zu denken.

L. F. i. M.-B.: Was sind die größten Herausforderungen für den IT-Standort Deutschland? Wie innovativ müssen wir noch werden, um den Sprung in die Zukunft zu schaffen? Und was bedeutet „Innovation“ überhaupt – steckt dahinter mehr als neue Technologien?

Christine Regitz: Sprechen wir über Innovation, haben wir große Neuerungen von durchschlagender Kraft vor Augen. Wir vergessen die Innovation, die durch Kombination von Bestehendem zu etwas Neuem entsteht, oder jene, die schlicht in neuen Geschäftsmodellen liegt. Das sieht vielleicht auf den ersten Blick gar nicht so innovativ aus. Schauen Sie sich ein Smartphone an. Steve Jobs hat nichts anderes getan als drei bestehende Geräte bzw. ihre Funktionen zu einem einzigen neuen Gerät, dem iPhone, zu kombinieren. Er nahm Mobiltelefon, iPod und Digitalkamera, und das war’s.

Ich glaube, wir sind uns einig, dass das iPhone eine wirkliche Innovation darstellt. Selbstverständlich konnte diese innovative Idee nur funktionieren, weil auch die Hardware entsprechend fortgeschritten war, aber die Hardware alleine war es nicht, es war die schlichte Idee, die drei Funktionen zu vereinen. Dieses Vermögen, Dinge neu zu denken, aber auch das kritische Reflektieren und manchmal Infragestellen brauchen wir auch, wenn wir über Innovation sprechen.

Eine gute Ausbildung muss nicht mit einem klaren Berufsziel erfolgen – ideal ist aber ein MINT-Einschlag.

L. F. i. M.-B.: Sie sind seit vielen Jahren bei SAP in wechselnden Funktionen und Bereichen in der Softwareentwicklung und im IT-Management tätig. In Ihrem Lebenslauf findet man zur Ausbildung aber eher Schlagworte wie Betriebswirtschaftslehre und Physik sowie später Energiemanagement. Würden Sie sich als Quereinsteigerin bezeichnen? Und was sagt uns das über die Vielseitigkeit der IT-Branche?

Christine Regitz: Als Quereinsteigerin würde ich mich nicht bezeichnen, eher als eine Person mit sehr vielfältigen Interessen und damit einhergehend einem Lebenslauf, der diese Vielseitigkeit widerspiegelt. Natürlich haben mich in der Schule Naturwissenschaft und Mathematik sehr interessiert, aber ebenso Politik und Sprachen. So hatte ich auch keinen eindeutigen Berufswunsch von Beginn an, sondern hielt mich stets offen für Neues. Das möchte ich auch gerne jungen Menschen mitgeben, die sich vor oder in der Ausbildung befinden: Nicht jeder Mensch hat bereits in der Schulzeit eine klare Vorstellung von seinem oder ihrem Beruf, und das ist vollkommen in Ordnung. Wichtig ist eine gute Ausbildung, ideal mit einem naturwissenschaftlichen oder technischen Einschlag.

„Mädchen für MINT begeistern? – Wir müssen die Anwendung und den Nutzen der Technik herausstellen“

L. F. i. M.-B.: Warum zögern Frauen, Informatik zu studieren bzw. in der IT eine Stelle anzutreten?

Christine Regitz: Ich glaube, Frauen denken nach wie vor, dass man mit einem Informatikstudium in einem recht einsamen Büro landet, in dem man den ganzen Tag am Computer sitzt und programmiert. Es scheint mir, als hätten wir es bisher nicht geschafft, die Vielfältigkeit der Berufsbilder in der so genannten IT-Branche darzustellen, idealerweise mit klaren und an der Lebensrealität der Zielgruppe orientierten Vorbildern. Zudem ist bis heute Informatik leider in kaum einem Bundesland ein Pflichtschulfach. Damit wird das Fach immer eher als fakultativ angesehen, und die jungen Menschen lernen nicht, wie interessant es sein kann. Natürlich gibt es darüber hinaus noch weitere Ursachen.

L. F. i. M.-B.: Wie kann man Frauen dazu ermutigen? Oder sollten wir das andersherum angehen: Wie kann man das Studienangebot ändern, damit Frauen einsteigen?

Christine Regitz: Wir sehen uns großen Herausforderungen wie dem Klimawandel gegenübergestellt. Zentrale Themen wie diese können wir nur mit Hilfe von Technik bzw. Informatik im weitesten Sinne bewältigen. Unser Ziel muss daher sein, Mädchen früh für technische Themen zu begeistern, ihnen spannende Angebote zu machen. Das heißt nicht, dass sie zwingend Physik oder Informatik studieren müssen. Ich denke, wir müssen vielmehr die Anwendung und den Nutzen der Technik herausstellen. Es gibt Angebote wie Medizin-Informatik, Bio-Informatik, Umwelt-Informatik und weitere ähnlich angelegte Studiengänge, die klar die Zweckdienlichkeit der Informatik in den Vordergrund stellen. Oder nehmen Sie das duale Studium der DHBW, ein tolles Angebot, bei dem die Studentinnen und Studenten von Anfang an in einer Firma parallel bzw. ergänzend zu ihrem Studium arbeiten. Auch hierdurch wird der praktische Bezug des Studienfachs für ein Unternehmen und damit die Wirtschaft sehr klar verdeutlicht.

SAP-Aufsichtsrätin Christine Regitz spricht als Head of Women in Tech@SAP über den digitalen Wandel.

Foto: Christine Regitz in ihrer Funktion als Head of Women in Tech@SAP

„Mit Women in Tech@SAP zeigen wir, wie unterschiedlich die Lebensläufe und die Expertise der Frauen bei SAP sind.“

L. F. i. M.-B.: Sie führen neben Ihren hauptamtlichen Tätigkeiten und Ihrem Engagement für SheTransformsIT auch die firmeninterne Initiative „Women in Tech@SAP“ – welche Ziele verfolgen Sie damit und weshalb braucht es auch unternehmenseigene Aktionen wie diese?

Christine Regitz: „Women in Tech@SAP“ verfolgt das Ziel, die Frauen, die für SAP arbeiten, mit ihrer Expertise zu vernetzen und sichtbar zu machen, sowohl intern als auch extern. Wir möchten verdeutlichen, wie unterschiedlich die Lebensläufe und die Expertise der Frauen sind, um damit auch ein Leuchtturm zu sein und unsere Vorbildfunktion für viele junge Frauen da draußen zu erfüllen. Es ist uns wichtig dem Nachwuchs klarzumachen, wie spannend es ist, für uns zu arbeiten, oder wie abwechslungsreich es darüber hinaus sein kann, in einer Technologiefirma zu arbeiten. Wir wollen auch zeigen, dass Firmen wie wir beileibe nicht nur Programmierkenntnisse brauchen, sondern ganz viele andere Fähigkeiten. Und wir wollen die Wege der Frauen veranschaulichen, und dass diese Wege in vielen Fällen nicht immer geradlinig gewesen sind. 

Wir bedanken uns bei Christine Regitz für das Gespräch und wünschen alles Gute für die nächsten Projekte.

Porträtfoto von Christine Regitz (Jahrgang 1966), Vice President und Head of Women in Tech@SAP.

Fotos: © Christine Regitz, SAP

Infos zu Christine Regitz

Christine Regitz (Jahrgang 1966) ist Vice President und verantwortet als Head of Women in Tech@SAP seit Januar 2020 die stärkere Vernetzung und Sichtbarkeit von Expertinnen aller Bereiche des Unternehmens und deren fachlichen Expertise. Sie ist zudem Mitglied des Aufsichtsrats der SAP. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre und Physik an der Universität des Saarlandes und der Università degli studi di Bari Aldo Moro (Italien). Seit 1994 ist sie bei SAP SE in wechselnden Funktionen und Bereichen in der Softwareentwicklung und im Management tätig. Ehrenamtlich ist Christine Regitz Mitglied des Präsidiums und Sprecherin des Wirtschaftsbeirats der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI). Darüber hinaus ist sie Mitglied des Industriellen Kuratoriums des Leibniz-Zentrum für Informatik, des Rates für Informationsinfrastrukturen, des Kuratoriums der Steinbeis-Stiftung und des Kuratoriums des Deutschen Museums in München.. Als eine der Initiatorinnen unterstützt sie zudem die Kampagne #SheTransformsIT für mehr Frauen in der Digitalisierung.

Veröffentlicht: 03.08.2021

 

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