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Erfolgsansätze aus Unternehmen zur Entwicklung weiblicher MINT-Talente in Baden-Württemberg

Wo können Unternehmen ansetzen, wenn sie mehr Frauen für MINT-Berufe gewinnen und vor allem halten möchten? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 8. Netzwerktreffens im Rahmen des Beteiligungsprogramms@MINT am 14. März 2024. Die Teilnehmenden der Onlineveranstaltung konnten sich auf drei spannende Pitch- und Netzwerksessions von Unternehmen freuen, die über ihre erfolgreichen Maßnahmen zur Bindung von weiblichen MINT-Fachkräften berichtet haben. Als Best-Practices dienen sie als Blaupause für weitere Unternehmen. Nachmachen ist ausdrücklich erwünscht, denn leider sind Frauen im MINT-Bereich immer noch stark unterrepräsentiert. Zwar wurden in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht, trotz aller Kampagnen ist der Frauenanteil in MINT-Berufen allerdings nach wie vor ausbaufähig.

„Gemischte Teams sind resilienter, innovativer und erfolgreicher”

Dr. Birgit Buschmann, Leiterin des Referats Wirtschaft und Gleichstellung im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus, begrüßte die Teilnehmenden und gab einen Überblick über die große Bedeutung von MINT-Fachkräften für Baden-Württemberg. Insgesamt werde der Bedarf an MINT-Fachkräften weiter steigen: Die Wirtschaft steckt mitten in einem Wandel, die Energie- und Mobilitätswende sollen vorangebracht werden und die Eindämmung des Klimawandels braucht Ideen und Lösungen. Der Bedarf an Fachkräften steigt also – doch die geburtenstarken Jahrgänge der Boomer-Generation gehen nach und nach in den Ruhestand; es kommen nicht genug junge Menschen nach. Die Lücke wird nicht vollständig gefüllt – und überdies würde es für die Transformation durch Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie sogar noch deutlich mehr Fachkräfte brauchen.

Gemischtes Team am Schreibtisch beim Brainstormen
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, ist gut ausgebildeter Nachwuchs in den MINT-Fächern dringend nötig. „Und zwar nicht nur Männer, sondern vor allem auch Frauen – denn gemischte Teams sind deutlich resilienter, innovativer und erfolgreicher. Sie kommen schneller zu besseren Lösungen, die außerdem nachhaltiger sind“, sagte Dr. Birgit Buschmann.
Die Realität zeigt aber ein anderes Bild. „Im September 2023 kamen in Baden-Württemberg auf rund 60.100 offene Stellen nur etwa 28.000 MINT-Talente. Und in den kommenden Jahren werden ungefähr zwei Drittel aller Hochschulabsolventinnen und -absolventen benötigt, um allein die altersbedingten Abgänge zu ersetzen“, erläuterte Dr. Buschmann. Frauen in MINT-Berufen sind in Baden-Württemberg weiterhin stark in der Unterzahl. Lediglich 18 Prozent der Erwerbstätigen im MINT-Bereich waren im Jahr 2022 weiblich. Der Anteil steigt zwar tendenziell an, ist aber deutlich ausbaufähig, um dem Fachkräftemangel nachhaltig entgegenwirken zu können. Deshalb will die Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ Unternehmen mit Good Practise-Ansätzen gezielt unterstützen, mehr Frauen in MINT-Berufen zu gewinnen und zu halten.

Ideen zur Lösung

Das MINT-Netzwerktreffen bot Inspiration und Anregungen, wie der Situation klug begegnet werden kann. Es stellte Unternehmen mit ihren Erfolgsansätzen in den Mittelpunkt – also diejenigen, die die Fachkräfte bereits haben, sie halten wollen und neue gewinnen möchten.

Auch wenn es keine schnelle Lösung gibt, um die Geschlechterdiversität in MINT-Fächern und Techberufen zu erhöhen, haben Unternehmen einige Möglichkeiten, um das Ungleichgewicht zu reduzieren. Zum einen mit einer gezielten Förderung von Frauenkarrieren, zum anderen mit der Gewinnung, Qualifizierung und Bindung von berufserfahrenen Quereinsteigerinnen.

„Es lohnt sich, sich Dinge zu trauen“

Für Prof. Dr. Martina Klärle, Präsidentin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), ist „Female MINT-Power“ ein Herzensthema. Als siebtes Kind, aufgewachsen in einem Dorf im Nordosten Baden-Württembergs, war ihr Weg als Ingenieurin und Umweltwissenschaftlerin alles andere als vorherbestimmt.
In ihrer Keynote zum Thema „Mehr Ingenieurinnen braucht das Land“, plädierte Prof. Klärle für mehr Mut und Begeisterung: „Es gibt eine Menge attraktive Berufe, die wenig bekannt sind. Es lohnt sich, einfach mal loszulegen und sich Dinge zu trauen. Und ganz frei zu entscheiden, wo die eigene Zukunft liegt.“ Die lobenden Worte und die Unterstützung einer Mathematiklehrerin stärkten sie, ihren Weg gemäß ihren Interessen zu gehen: Nach der Schule folgte die Ausbildung zur Vermessungstechnikerin, später ein Studium, eine Promotion und eine Professur.

Heute, als erste Frau an der Spitze der Dualen Hochschule, hat sie die ganzheitliche Gleichberechtigung zur Chefinnensache erklärt: Das Thema Gleichstellung ist direkt im Präsidium der DHBW und somit bei ihr angesiedelt „Wir müssen allen Mädchen und Frauen Mut machen, von denen wir denken, dass sie es für den MINT-Bereich draufhaben. Denn wer weiß, vielleicht könnte genau diese Person einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende und den vielen großen Themen dieser Welt leisten – und somit eine Welle lostreten“, so Prof. Klärle.
Sie knüpfte an die Begrüßungsrede von Dr. Buschmann an und bemerkte: „Für die großen Transformationsaufgaben unserer Zeit braucht es Perspektivenvielfalt. Es braucht neben Männern auch Frauen, die als Technologietreiberinnen und Botschafterinnen in Frage kommen. Und es braucht ausgezeichnete Ingenieurinnen und generell weibliche MINT-Fachkräfte. Sie sind die zukünftigen Heldinnen der Nation.”

Damit Baden-Württemberg ähnlich innovativ wie das für seine Vielzahl an Techfirmen bekannte Kalifornien bleibt, müssen die Fähigkeiten und Erfahrungen von Frauen stärker nutzbar gemacht werden. Der abschließende Appell von Prof. Dr. Martina Klärle war zugleich ein Auftrag: „Es braucht mehr Ingenieurinnen in diesem Land. Suchen wir sie!“

 

Frau am Laptop

Diversität steigern und Fachkräfte gewinnen

Die eingangs erwähnte Lücke von Fachkräften ist auch bei der Bechtle AG zu spüren. „Es gibt in Deutschland zurzeit 149.000 offene Stellen in der IT-Branche, die nicht besetzt sind. Deshalb war es für uns höchste Zeit, das Thema Quereinsteiger systematisch anzugehen”, sagte Julia Loza Roger, die das Quereinsteigenden-Programm „Future in IT“ (FIT) bei der Bechtle AG leitet und in der ersten Pitchsession des 8. Netzwerktreffens vorstellte.

Das FIT-Programm soll Fachfremden den Einstieg in die Zukunftsbranche IT ermöglichen und ihnen Karrieren im Bereich IT-Technik, Account Management sowie im IT-Projekt- und Servicemanagement eröffnen. Die Teilnehmenden werden passgenau für ihre neuen Aufgaben bei Bechtle qualifiziert. Dabei sind Alter, Geschlecht oder fachliches Wissen zweitrangig. Das Wichtigste sind die richtige Einstellung und der Wille, etwas zu bewegen.

 

„Besonders stolz sind wir beim FIT-Programm auf unseren Frauenanteil, der zeitweise 44 Prozent betrug und momentan bei einem Drittel liegt”, so Roger. Ein Einstieg in das Programm, das 2022 als Pilotprojekt startete, ist in mehr als 30 Bechtle Gesellschaften und damit bundesweit möglich. Die Qualifizierung erfolgt über eine private Hochschule. Zusätzlich gibt es spezifische Trainings in der Bechtle Akademie. „Ein zentrales Element des FIT-Programms sind die Communities. Wir wollen den Austausch zwischen Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern sowie die Vernetzung innerhalb der Bechtle Welt fördern. Dazu werden bereits im ersten Kick-off Programmneulinge mit unseren Alumni verbunden. Außerdem wird jeder Teilnehmende auf dem Weg in die IT von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren begleitet”, erläuterte Roger.

Flexible Arbeitsmodelle und geschlechtersensible Unternehmenskultur

Frauen und MINT-Berufe – das ist bei der U.I. Lapp GmbH von Beginn an selbstverständlich. Schließlich war es Ursula Ida Lapp, die das Unternehmen 1959 mit ihrem Mann in Stuttgart gründete und zu einem erfolgreichen Global Player formte. Als Unternehmerin und Mutter setzte sie sich seit jeher stark für die Belange ihrer Mitarbeitenden in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Matthias Dannecker, Head of HR Germany der U.I. Lapp GmbH und Vater von zwei Töchtern, stellte in der zweiten Pitchsession die Familienorientierung als wichtigen Bestandteil der Unternehmenskultur heraus: „Eltern können bei uns individuelle Teilzeitmodelle und Homeoffice-Lösungen nutzen, wir haben ein Eltern-Kind-Zimmer, das die Möglichkeit bietet, in Betreuungsnotfällen Kinder mit zur Arbeitsstelle zu bringen; und die Unternehmensspitze engagiert sich beim Aufbau betriebsnaher Kitas.”

Lapp bietet viele Aktivitäten zur Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler an. Zum Beispiel besteht die Möglichkeit, am Girls‘Day teilzunehmen oder im Rahmen von Schulkooperationen das Unternehmen und die unterschiedlichen Berufe näher kennenzulernen. Als einer der Veranstalter des MINT-Dialog-Day lud das Unternehmen Doktorandinnen des Instituts für Kunststofftechnik der Universität Stuttgart zu einem Workshop ein, in dem sie Einblicke in Karriereperspektiven bei Lapp bekamen. „Mit unserem Netzwerk ‚Women@Lapp‘ setzen wir uns bereits gezielt für die Förderung von Frauen in Führungspositionen ein. In Zukunft möchten wir auch ein Promotionsstipendium für Frauen in MINT-Berufen anbieten”, kündigte Dannecker an.

Der entscheidende Hebel: Das Sponsorship-Programm

In der dritten und letzten Pitchsession kam Ann-Sophie Brustik zu Wort, die bei Hewlett Packard Enterprise den Bereich Diversity, Equity, Inclusion & Culture HR für Deutschland und Mitteleuropa verantwortet. Sie stellte die wichtigsten Maßnahmen vor, die das Unternehmen ergreift, um die Zahl von Frauen in Führungspositionen zu steigern. „Obwohl wir den Anteil von Frauen in den letzten Jahren sukzessiv auf 33 Prozent und im Managementbereich auf 29 Prozent erhöhen konnten, gab es weiterhin deutlichen Handlungsbedarf.“ Mit dem Female Sponsorship Program sowie dem Women Connect Program werden weibliche Beschäftigte gezielt gefördert.

Inspiration für die Entwicklungsprogramme lieferte das Buch „Wolfpack“ von Abby Wambach, einer ehemaligen US-amerikanischen Fußballspielerin und Olympiasiegerin, so die HR-Expertin.
Die zentrale Aussage von „Wolfpack“: Von Mädchen wird – auch heute noch – erwartet, dass sie artig ihre Arbeit machen, immer hübsch auf dem Pfad bleiben, nicht ausscheren und dabei adrett aussehen. Ein Rotkäppchen. Abby Wambach weist darauf hin, dass sich das System nie ändern wird, wenn sich Mädchen und Frauen an diese (alten, patriarchalen) Regeln halten. Frauen sollen sich nicht an die traditionellen gesellschaftlichen Normen und Erwartungen binden, sondern stattdessen ihre eigene „Wolfsrudel“-Mentalität pflegen. Zu ihrem jüngeren Ich würde Abby Wambach heute sagen: „You were never Little Red Riding Hood, you were always the wolf.” („Du warst nie Rotkäppchen, Du warst immer der Wolf.“)
3 Frauen die miteinander einschlagen

Seite an Seite mit einer Sponsorin aus dem Topmanagement

Basierend auf dieser Idee stellt das Female Sponsorship Program ausgewählten weiblichen Talenten einen Sponsor aus dem Topmanagement zur Seite, der ihnen Zugang zu Netzwerken ermöglicht und sie bei der Umsetzung der nächsten Karriereschritte unterstützt. Des Weiteren bringt das Women Connect Program den weiblichen Führungsnachwuchs mit den ehemaligen Teilnehmerinnen des Female Sponsorship Program zusammen. Ziel ist es, Frauen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, für Managementaufgaben fit zu machen und sie gezielt für Führungspositionen zu entwickeln.

Beide Programme zeigen deutliche Wirkung: „Wir konnten den Frauenanteil in Führungspositionen innerhalb von drei Jahren um 8,4 Prozentpunkte erhöhen. Das zeigt, wie extrem wichtig es für Frauen ist, Unterstützung vom Management zu bekommen. Das Sponsorship nimmt eine Eisbrecherfunktion ein und ist ein wichtiger Hebel, um eine Talent-Pipeline zur Förderung von Frauen in Schlüsselpositionen aufzubauen”, schlussfolgerte Ann-Sophie Brustik.

Binnen sechs Monaten begeistert jede und jeder eine Frau für MINT

Nach dieser Pitchsession entließ die Moderatorin des 8. MINT-Netzwerktreffens, die Senior Managerin Events & Communication des Steinbeis Europa Zentrums, Sabine Haeßler, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei Diskussionsrunden mit den Pitch-Vortragenden und ihren Themen.

Am Ende des Netzwerktreffens gab es für alle noch eine kleine Hausaufgabe, die Prof. Dr. Martina Klärle bei ihrem Vortrag angeregt hatte: Jede und jeder Teilnehmende soll in den nächsten sechs Monaten ein Mädchen oder eine junge Frau dazu ermutigen, den Weg in den MINT-Bereich einzuschlagen und technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen eine Chance zu geben. Vielleicht, so der Gedanke, entstehe daraus ein Schneeballeffekt, der wichtige Veränderungen ins Rollen bringt.

Erfahren Sie hier noch mehr über das Beteiligungsprogramm@MINT oder werden Sie Teil des Bündnisses der Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme bei unserem nächsten Netzwerktreffen.
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