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12. Bilanzgespräch der Landesinitiative Frauen in MINT Berufen Teilnehmerfoto
„Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst dafür etwas zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten“ – diesen Satz von Albert Einstein zitierte Moderatorin Ariane Bertz am 5. Oktober 2023 beim 12. Jahrestreffen und Bilanzgespräch der Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ in der experimenta in Heilbronn. Damit drückte sie aus, dass schon viel getan und erreicht ist. Doch es liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor der Landesinitiative und dem Bündnis. Mehr Vernetzung und eine übergeordnete Strategie und Bündelung der vielen Angebote sind das Ziel. Die Vertreterinnen und Vertreter blickten beim Jahrestreffen gemeinsam auf das bisher Erreichte zurück. Bei Podiumsdiskussionen und anschließendem Austausch entwarfen sie den weiteren gemeinsamen Weg. 

MINT selbst erleben und fühlen

„Begeisterung wird am besten über das eigene Erleben vermittelt“, stellte Professorin Bärbel Renner, Geschäftsführerin der experimenta, bei ihrer Begrüßung zum 12. Jahrestreffen und Bilanzgespräch fest. Sie gab den Teilnehmenden mit, was sie jeden Tag beobachtet, wenn Kinder – und auch Erwachsene – durch die experimenta streifen. Deshalb erweitert die experimenta in Kürze ihr Angebot: Vor dem Gebäude der experimenta wird ein Pavillon errichtet, dessen Ausstellungsfläche sich mit Künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt.

„KI ist für viele Menschen ein Synonym für Fortschritt und Innovation, für andere Menschen steht es für Bedrohung“, erklärt Professorin Renner beim Jahrestreffen. Die experimenta will KI aus verschiedenen Perspektiven betrachten – und auch vermeintliche Grenzen auflösen. So soll Künstliche Intelligenz mit den Mitteln des Tanzes und des Theaters erschlossen werden. Renner sagt dazu: „Wir wollen den Besuchern das Thema auch emotional vermitteln.“

Grußwort zum 12. Bilanzgespräch

Das Angebot und den Einsatz der experimenta lobte auch Dr. Jens Brandenburg, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF) in seinem Video-Grußwort zum 12. Jahrestreffen und Bilanzgespräch. Er verwies auf den MINT-Aktionsplan 2.0 des BMBF. Dieser bündelt die Fördermaßnahmen für den MINT-Bereich entlang der gesamten Bildungskette – von der Kita bis zur Weiterbildung. Darüber hinaus wird der MINT-Aktionsplan mit insgesamt 45 Millionen Euro unterstützt.

„Chancen dürfen keine Frage des Geschlechts sein“, betonte Brandenburg und fügte hinzu: „Diverse Teams sind die besseren Teams.“ Allerdings sei es wichtig, die Kräfte von allen zu bündeln. Denn dass sich mehr Frauen für MINT-Berufe entscheiden, sei eine Aufgabe für Bund, Land, Wirtschaft und Gesellschaft. „Baden-Württemberg nimmt hier sicher eine Vorreiterrolle ein“, so Brandenburg.

Video Botschaft von Dr. Jens Brandenburg

Erfolgreiche Maßnahmen und Programme

Ein Blick in den Bilanzbericht 2023 der Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ bestätigt das: In den zwölf Jahren des Bündnisses wurden zwölf Aktionsprogramme mit mehr als 520 Fördermaßnahmen durchgeführt. Zudem konzipierten die Partner Maßnahmen und Programme wie

  • Dialog MINT-Lehre,
  • Girls‘ Digital Camps
  • oder auch Mentoring-Programme für Schülerinnen und Schüler sowie Studienanfängerinnen und Studienanfänger.

Auch neue Formate wurden entwickelt, darunter MINT-Camps oder MINT-Role-Models. Mehr als 200 Veranstaltungen und Kongresse sowie neun Expertengespräche gehörten zu den Maßnahmen und Projekten des Bündnisses seit 2011.

Neue Bündnispartnerinnen

Unterstützung erhält die Landesinitiative in diesem Jahr von drei neuen Bündnispartnerinnen: der Pädagogischen Hochschule Freiburg, der Hochschule Heilbronn und der Forscherfabrik Schorndorf. Mit der feierlichen Unterzeichnung der Bündnispapiers durch die Vertreter:innen der neuen Bündnispartnerinnen sowie Frau Ministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut MdL und einem gemeinsamen Foto wurde die Aufnahme in das Bündnis besiegelt.

12. Bilanzgespräch mit neuen Bündnispartnerinnen und Bündnispartner: Pädagogische Hochschule Freiburg: Prof. Dr. Katja Maaß, Direktorin, International Centre for STEM Education und Dr. Oliver Straser, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Hochschule Heilbronn: Professor Dr. Oliver Lenzen, Rektor und Professorin Dr. Nicola Marsden, Forschungsprofessur Sozioinformatik, Forscherfabrik Schorndorf: Sonja Schnaberich-Lang, Fachbereichsleitung Kommunales, Stadt Schorndorf

Es braucht zusätzliche Fachkräfte, um Innovationen und die Transformation voranzutreiben

Dr. Birgit Buschmann, Leiterin des Referats Wirtschaft und Gleichstellung im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, hob beim Jahrestreffen hervor, warum es auch weiterhin Einsatz braucht: Da die geburtenstarken Jahrgänge bis 2035 in Rente gehen werden, stehen pro Jahr 140.000 Erwerbstätige weniger zur Verfügung. Die jüngeren Generationen werden diese Lücke kaum füllen können. „Es geht aber nicht nur darum, die Lücken zu schließen“, sagte Buschmann mit Nachdruck, „es braucht zusätzliche Fachkräfte, um Innovationen und die Transformationen voranzutreiben.“ Abgesehen davon, dass der Nachwuchs auf Berufe im MINT-Bereich aufmerksam gemacht werden soll, sind auch Weiter- und Fortbildung ein wichtiger Schlüssel.

Frauenanteil an Erwärbstätigen steigt weiter auf bundesweit 18,1 Prozent

Wie der Bilanzbericht auf dem Jahrestreffen verdeutlicht, lag der Frauenanteil an den Erwerbstätigen im MINT-Berufen im Jahr 2022 bundesweit bei 18,1 Prozent. Mit Blick auf die vergangenen Jahre bedeutet das eine Steigerung. Der Anteil in Baden-Württemberg liegt mit 18,0 Prozent ungefähr im Bundesdurchschnitt. Eine gute Nachricht: Nach Angaben des Statistischen Landesamtes für 2023 stieg die Zahl der erwerbstätigen Frauen in MINT-Berufen in Baden-Württemberg von 2016 bis 2022 um 19,3 Prozent auf rund 300.000. Der Bilanzbericht kommt daher zu dem Schluss, dass es vorangeht und die Maßnahmen der Landesinitiative und der Bündnispartner Wirkung zeigen.

Mehr Fokus auf das I und das T

Dr. Birgit Buschmann mahnte beim Jahrestreffen allerdings, dass der Frauenanteil im Bereich Mathematik zwar schon recht zufriedenstellend sei, jedoch vor allem im Bereich Informatik zurückgehe. „Wir müssen den Fokus stärker auf das I und das T von MINT legen, also auf Informatik und Technik.“ Ein weiterer Schwerpunkt müsse auf die duale Ausbildung gelegt werden. Immer weniger Mädchen entscheiden sich laut Buschmann für eine Ausbildung, sondern beginnen nach dem Abitur ein Studium. Und wenn sie eine Ausbildung beginnen, dann vor allem in kaufmännischen oder Dienstleistungsberufen. Gezielte Fördermaßnahmen, Praktikumsangebote und MINT-Mentoringprogramme sollen laut Bilanzbericht Impulse setzen.

Mädchen sollen sie ausprobieren können

„Bei der dualen Ausbildung sehe ich sehr großen Handlungsbedarf“, bestätigte auch Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, MdL beim Jahrestreffen. Sie tauschte sich bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Wege zu einer MINT-Strategie“ mit anderen Expertinnen und Experten aus. „Ich habe drei Töchter und bin selbst eine Frau. Dieses Thema ist mir ein wichtiges Anliegen!“ Nach diesem Satz stellten auch die anderen Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer des Jahrestreffens heraus, dass sie Eltern sind und in dieselbe Richtung blicken. Vittorio Lazaridis, Ministerialdirigent im Kultusministerium Baden-Württemberg, erzählte von seinen zwei Töchtern, die beide Ärztinnen sind. „Die beiden sind sehr zielstrebig und hatten immer klare Ziele.“ Das sei aber nicht zwingend bei jedem Menschen so. Und er ging auch auf das I und das T von MINT ein, die auch er stärken möchte. „Informatik muss in der Schule als Fach mehr verankert werden und einer der Naturwissenschaften gleichgestellt sein. Das heißt, der Unterricht muss entsprechend gestaltet sein.“ Professorin Nicola Marsden vom MINT-Cluster MAKEitREAL der Hochschule Heilbronn – eine der drei neuen Bündnispartnerinnen – griff diese Idee auf. Zu sehr ginge es noch nach dem Prinzip, alle zu mehr MINT einzuladen und zu signalisieren „Jeder ist willkommen.“ Viel wichtiger sei es, gezielte Angebote für Mädchen zu machen. „Sie brauchen einen ‚safe space‘, in dem sie sich ausprobieren können.“

12. Bilanzgespräch Podiumsdiskussion: Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut MdL, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg, Dr. Maximilian Müller-Härlin, Referatsleiter, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Berlin, Vittorio Lazaridis, Ministerialdirigent, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Edith Wolf, Co-Sprecherin, Nationales MINT-Forum und Vorständin Vector Stiftung, Prof. Dr. Nicola Marsden, MINT-Cluster MAKEitREAL, Hochschule Heilbronn

Außerschulische Angebote mit Schulen verbinden

Eine Lösung sieht Edith Wolf, Co-Sprecherin des Nationalen MINT-Forums, in den ihrer Meinung nach sehr starken außerschulischen Lernorten, wie zum Beispiel der experimenta. „Diese sollten wir mit den Schulen koppeln. So könnten wir nicht nur Schulen entlasten, sondern bringen die Angebote direkt zur Zielgruppe.“ Gerade bei der Ganztagsbetreuung und Grundschulen sieht Wolf beste Chancen. „Dann gäbe es nicht nur Sport oder Kunst, sondern auch MINT. Auch wäre es sinnvoll, MINT mit Tanz, Kunst und Kultur zu verbinden – wie es auch die experimenta plant.“ Wolf sieht ein großes Potenzial darin, MINT etwa mit Musik, Sport oder Geisteswissenschaften zu verbinden, um viel mehr Mädchen und Frauen anzusprechen. Das belegt das Interesse an Studiengängen mit Namen wie Computervisualistik oder Bioinformatik.

Priorität für MINT-Themen auch im Bereich Kultus, Verkehr und Umwelt

Mädchen müssen anders und gezielter angesprochen werden – das bekräftigte bei der Podiumsdiskussion des Jahresgesprächs auch Dr. Maximilian Müller-Härlin vom Bundesbildungsministerium. Er berichtete von der Praktikumsoffensive, die die Bundesvernetzungsstelle „MINTvernetzt“ (https://www.mint-vernetzt.de) starten wird: 1.000 Praktikumsstellen sollen gezielt für Mädchen und Frauen angeboten werden. Bei dem Stichwort „Vernetzung“ richtete sich Müller-Härlin auch an Ministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut: Andere Bundesländer hätten bereits landesweite Vernetzungsstellen – Baden-Württemberg nicht. Die Ministerin griff diese Anregung auf: „Wir sind im Gespräch wegen einer Vernetzungsstelle, sie ist jedoch noch nicht finanziert.“ Zudem arbeite die Regierung in Baden-Württemberg an einer ressortübergreifenden Fachkräfte-Initiative für das Bundesland. Edith Wolf nahm diesen Hinweis auf. Auch MINT sei ein ressortübergreifendes Thema und müsse nicht nur beim Wirtschaftsministerium, sondern auch im Bereich Kultus, Verkehr und Umwelt absolute Priorität genießen. „Die Wirtschaft alleine wird es nicht richten können.“

Gesamtstrategie mit ehrgeizigem Ziel festlegen

Alle Teilnehmenden der Podiumsdiskussion beim 12. Jahrestreffen und Bilanzgespräch der Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ waren sich einig: Die einzelnen außerschulischen Lernangebote, und alle bestehenden Maßnahmen und Programme in Baden-Württemberg seien hervorragend – jedoch existierten sie häufig noch zu sehr nebeneinander her. „Ein Girls‘Day ist toll und er schafft Aufmerksamkeit. Doch dann verpufft diese wieder.“ Es brauche dringend die Vernetzung der Angebote, sie müssen besser aufeinander abgestimmt sein und ineinandergreifen. Dafür fehle eine übergeordnete Gesamtstrategie, die genau das schafft. Maximilian Müller-Härlin bemerkte dazu: „Ich sage es auch selbstkritisch – in der Politik heißt es oft: Strategie ist, wenn man zusammensammelt, was man schon alles macht. Aber das reicht nicht. Es muss ein klares Ziel gesetzt werden, wo man hinwill – und zwar ein ehrgeiziges Ziel.“

Vertreter auf der Bühne sitzend für Podiumsdiskussion

Kinder aus Nichtakademikerfamilien und aus Familien mit Einwanderungsgeschichte gezielt anzusprechen

Ziele formulierten auch die Teilnehmenden der zweiten Podiumsdiskussion: Dr. Thomas Wendt, Landesverband für naturwissenschaftlich-technische Jugendbildung in Baden-Württemberg, Simone Buchmüller, Bereichsleiterin bei der Agentur für Arbeit in Heilbronn, Christoph Petschenka von der Initiative Junge Forscherinnen und Forscher sowie Christiane Huber, SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg. Huber machte beim Jahrestreffen darauf aufmerksam, dass es Regionen im Bundesland gebe, in denen noch wenig außerschulische MINT-Angebote vorhanden seien. „Es ist also auch abhängig davon, wo ich wohne.“ Und nicht nur das: Es ist offenbar auch davon abhängig, so die Teilnehmenden, welchen familiären Hintergrund jemand hat – Petschenka regte an, den Blick stärker auf Kinder aus Nichtakademikerfamilien und Kinder aus Familien mit Einwanderungsgeschichte zu richten und sie gezielt anzusprechen. Und nicht nur die Kinder: Auch Eltern und Lehrkräfte sollen stärker einbezogen werden. Ein Anliegen lag der Runde zudem am Herzen: „Projekte werden meist nur befristet gefördert. So haben auch die Mitarbeitenden der Projekte nur befristete Verträge. Es braucht eine längerfristige Förderung, damit wir auch nachhaltig etwas bewirken und agieren können“, bekräftigte Christiane Huber.

Fazit

Letztlich waren sich alle Teilnehmenden einig: Ein Jahrestreffen wie das am 5. Oktober in Heilbronn ist genau dazu so wichtig: Erfolge zu feiern, im Gespräch zu bleiben, kurzfristige und langfristige Ziele festzulegen und sich gegenseitig zu inspirieren und zu vernetzen. Um es mit dem Bild von Albert Einstein zu sagen: In Heilbronn und in den vergangenen zwölf Jahren hat niemand am Bahnhof auf ein Schiff gewartet. Es wurden viele Züge aufs Gleis gesetzt und in Fahrt gebracht – und es geht mit gleichem Elan und neuen Zielen weiter!

Weitere Informationen erhalten Sie außerdem in dem Bilanzbericht 2023 der Landesintiative „Frauen in MINT-Berufen“ – diesen können Sie hier downloaden.

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