Zwischen KI, Unsicherheit und Chancen: Neue Spielregeln für den Berufseinstieg
Technologie verändert unsere Welt rasant: Künstliche Intelligenz, Automatisierung und digitale Systeme prägen zunehmend die Art und Weise, wie wir arbeiten, lernen und miteinander kommunizieren. Doch bei all diesen technologischen Entwicklungen ergibt sich ein Dreh- und Angelpunkt: Welche Rolle spielt der Mensch in dieser Transformation? Zentralen Fragen unserer Zeit wie dieser widmete sich die Women of Tech Conference 2026 unter dem Motto „Connecting Human & Machine“. Die Konferenz brachte Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen, um darüber zu diskutieren, wie Mensch und Maschine nicht als Gegensätze verstanden werden, sondern als Partner zusammenarbeiten können. Gleichzeitig verfolgt die Women of Tech das Ziel, Frauen in der Technologiebranche zu stärken, Perspektiven sichtbar zu machen und Räume für Austausch, Vernetzung und Inspiration zu bieten. Besonders eindrücklich zeigte sich dieser Anspruch beim Panel „KI-Disruption am Arbeitsmarkt: Neue Spielregeln für den Berufseinstieg“.
Unter der Moderation von Dr. Jenny Kopsch-Xhema diskutierten Anna Bielok, Functional Center Lead Technology Recruiting bei adesso SE, Alice Braun, Beraterin im Bereich Kundenprozess Integration in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit, und Nelli Dreger, AI Strategy Analyst & AI Adoption bei der Bechtle AG, darüber, wie KI bereits heute den Arbeitsmarkt transformiert – und was das insbesondere für junge Menschen und Berufseinsteigerinnen bedeutet.
Im Gespräch wurde ein essenzieller Aspekt schnell deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um die Frage, welche Jobs durch KI ersetzt werden könnten. Vielmehr verändert diese grundlegend, wie Arbeit selbst überhaupt organisiert, bewertet und entwickelt wird. „Der eigentliche Shift ist ein anderer“, betonte Dr. Jenny Kopsch-Xhema in diesem Kontext gleich zu Beginn des Panels.

„KI verändert nicht nur, was Menschen in Zukunft arbeiten, sondern auch, wie Arbeit selbst organisiert, bewertet und entwickelt wird.“
KI verändert bereits heute Recruiting und Sichtbarkeit

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf dem Wandel von Recruiting- und Bewerbungsprozessen. Anna Bielok, die seit über 15 Jahren im Recruiting tätig ist und sich selbst als „Talententdeckerin“ bezeichnet, schilderte praxisnah, wie KI Unternehmen bereits heute unterstützt.
„Recruiting ist ein schnelles Business. Wir wollen keine Zeit verlieren, sondern zügig die richtigen Gesprächspartner zusammenbringen. Dabei hilft uns KI sehr.“
KI könne Prozesse beschleunigen, Anforderungen besser mit Kompetenzen abgleichen und Bewerberinnen und Bewerber schneller zu passenden Teams führen. Gleichzeitig machte Bielok deutlich, dass technologische Systeme niemals neutral sein können. „KI hat nicht per se Bias. KI hat Bias, wenn wir ihr Bias beibringen.“ Deshalb brauche es bewusste Entscheidungen darüber, welche Aufgaben automatisiert werden und wo menschliche Verantwortung unverzichtbar bleibt. Ihr Unternehmen arbeite bewusst nur teilautomatisiert, um Entscheidungen kritisch begleiten zu können. Auch Dr. Jenny Kopsch-Xhema verwies auf den Punkt, dass viele Datensysteme auf historisch gewachsenen Mustern basieren – und damit bestehende Ungleichheiten fortschreiben können, wenn sie nicht reflektiert eingesetzt werden.
Berufseinstieg zwischen Unsicherheit und neuen Chancen
Dass viele Absolventinnen und Absolventen aktuell oft verunsichert sind, wurde im Panel mehrfach thematisiert. Alice Braun, Wirtschaftspsychologin mit langjähriger Erfahrung im Bereich Berufseinstieg, beschrieb die aktuelle Situation als tiefgreifende Transformation.
„Der Berufseinstieg ist einem totalen Wandel ausgesetzt. Wir hören überall: KI nimmt die Einstiegsjobs weg. Junge Akademikerinnen und Akademiker finden keine Arbeit mehr.“
Einordnend fügte sie dieser kollektiven Befürchtung hinzu, dass Akademikerinnen und Akademiker weiterhin die Gruppe mit den besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt seien, auch wenn sich die Bedingungen verändert hätten. Bewerbungsprozesse dauerten länger, Unternehmen seien vorsichtiger geworden und die wirtschaftliche Unsicherheit verstärke den Druck auf Jobeinsteigerinnen und -einsteiger. Besonders eindrücklich wirkte in diesem Zusammenhang die Schilderung der Situation eines Absolventen, den Dr. Jenny Kopsch-Xhema im Vorfeld der Konferenz begleitet hatte: Ausbildung, Bachelor und Master mit Bestnoten, Promotion und internationale Erfahrung – und dennoch muss er zahlreiche unbeantwortete Bewerbungen in Kauf nehmen
Die Frustration vieler junger Menschen sei derzeit deutlich spürbar. Doch genau darin sahen die Panelistinnen auch eine Chance für Unternehmen: Diese müssten langfristiger denken und Potenziale erkennen, anstatt nur kurzfristig auf Erfahrung zu setzen.

„Heute keine Juniors, später keine Seniors“,
brachte Alice Braun die Problematik auf den Punkt.
Warum Soft Skills wichtiger werden
Des Weiteren war für das Panel die Frage wesentlich, welche Kompetenzen in einer von KI geprägten Arbeitswelt tatsächlich relevant werden. Die Antwort aller Beteiligten fiel überraschend eindeutig aus: Nicht einzelne Tools stehen im Mittelpunkt, sondern Soft Skills wie Lernfähigkeit, Kommunikation und kritisches Denken.

Nelli Dreger, die selbst in einer KI-Assistenzrolle arbeitet, schilderte ihre persönliche Erfahrung besonders eindrücklich. Obwohl sie keinen technischen Hintergrund habe, arbeite sie heute in einem KI-Team – gerade weil dort Menschen gebraucht würden, die zwischen Technologie und Organisation vermitteln können.
Die kommunikative Schnittstelle, die technische Projekte so übersetzen kann, dass sie in jeder einzelnen Abteilung verstanden werden, bekomme immer mehr Bedeutung. Dabei gehe es weniger darum, ein bestimmtes KI-Tool perfekt zu beherrschen, denn dafür veränderten sich Technologien zu schnell. „Sinn der Sache ist es nicht, jetzt ein Tool zu erlernen, um dann zwei Jahre daran festzuhalten. Das ist wahrscheinlich schon nächste Woche wieder obsolet.“ Entscheidend sei vielmehr die Fähigkeit, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und neue Zusammenhänge einzuordnen. Auch für Anna Bielok ist dieser Wandel im Recruiting bereits deutlich sichtbar. Unternehmen achteten zunehmend darauf, welche Menschen bereit seien, mit Veränderungen umzugehen.
„Wer ist offen? Wer hat Ambiguitätstoleranz? Wer hat Affinität? Wer ist lernbereit?“
Das seien Fragen, die sich Professionals in modernen Recruitingprozessen stellen würden. Denn genau diese Offenheit werde zunehmend wichtiger als starre Lebensläufe oder eine perfekte Passung auf dem Papier.
KI als Werkzeug — nicht als Ersatz
Ein weiterer wichtiger Gedanke zog sich ebenfalls durch das gesamte Gespräch: KI sollte nicht als Konkurrenz zum Menschen verstanden werden, sondern vielmehr als Tool. „Wir müssen anfangen, zu akzeptieren und zu kommunizieren, dass KI ein Werkzeug ist, das uns unterstützt“, so Nelli Dreger. In diesem Zusammenhang wurde aber auch deutlich, dass technologische Unterstützung nur dann sinnvoll ist, wenn Menschen weiterhin verstehen, was sie tun. Dr. Jenny Kopsch-Xhema warnte davor, KI-generierte Inhalte unkritisch zu übernehmen. „Es gibt Studierende, die sich drei Kilometer Code programmieren lassen, aber nicht wissen, was sie da gemacht haben.“ Gerade deshalb brauche es zukünftig Bildungsräume, in denen Menschen lernen, Technologien kritisch einzuordnen, Verantwortung zu übernehmen und Systeme bewusst einzusetzen.


Führung, Vertrauen und Orientierung
Mehrfach betonten die Panelistinnen, dass technologische Transformation nicht allein eine technische Herausforderung sei, sondern vor allem eine Frage von Führung und Kommunikation. Alice Braun machte deutlich, wie wichtig Werte wie Zuversicht und Orientierung in Zeiten großer Unsicherheit seien:
„Führungskräfte müssen einen Raum öffnen, damit Mitarbeitende mit dieser Veränderung umgehen können.“
Vertrauen spiele dabei eine zentrale Rolle. Anna Bielok formulierte es so: „Ohne Vertrauen funktioniert ein Unternehmen am Ende des Tages nicht.“ Gleichzeitig müsse Führung auch beinhalten, ehrlich über Unsicherheiten zu sprechen – über Chancen ebenso wie über Risiken.
Einfach machen. Aktiv mitgestalten.
Zum Abschluss richteten die Panelistinnen konkrete Botschaften an junge Frauen, die ihren Weg in einer zunehmend von KI geprägten Arbeitswelt finden wollen. Nelli Dreger appellierte vor allem an Mut und Eigeninitiative:
„Ihr habt gerade die Gelegenheit, selbst für euch herauszufinden, was euch interessiert und in welchem Bereich ihr euch weiterentwickeln könnt.“
Alice Braun ermutigte dazu, offen für Umwege und neue Möglichkeiten zu bleiben: „Vielleicht klappt es nicht in dem Bereich, den ihr ursprünglich angestrebt habt. Aber das muss nichts Schlechtes sein.“ Anna Bielok sprach einen Punkt an, in dem sich viele Frauen vermutlich sofort wiedererkennen: „Frauen neigen dazu, sich erst zu bewerben, wenn sie denken: Ich erfülle 90 Prozent der Stellenanzeige.“ Ihre klare und direkte Empfehlung lautete: „Macht einfach. Bewerbt euch. Das Schlimmste, was passieren kann: Ihr bekommt eine Absage.“ Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis aus dem Panel hängen: KI ist längst nicht mehr nur ein Technologiethema. Sie verändert Arbeitswelten, Bildung, Führung und gesellschaftliche Strukturen gleichermaßen. Umso wichtiger sind vielfältige Perspektiven, kritisches Denken und der Mut, aktiv mitzugestalten – genau das, wofür die Women of Tech Conference einen wichtigen Raum geschaffen hat.
Bildquelle für alle in diesem Beitrag verwendeten Bilder: Ludmilla Parsyak ©WOMEN OF TECH CONFERENCE ’26