Einmal um die Welt und zurück: Weil sich der Blick über den Tellerrand lohnt

Cornelia Hildebrandt war oft die einzige Frau im Raum, sei es auf Baustellen als junge Diplom-Ingenieurin für Verarbeitungs- und Verfahrenstechnik, oder später als Vertriebsleiterin im Maschinen- und Anlagenbau.

MINT-Berufe Frauen Portrait

Cornelia Hildebrandt

Ingenieurin

Eine Frau mit schwarz-grauen Locken sitzt an einem Schreibtisch und schaut in die Kamera

Cornelia Hildebrandt war oft die einzige Frau im Raum, sei es auf Baustellen als junge Diplom-Ingenieurin für Verarbeitungs- und Verfahrenstechnik, als Key Account Managerin in der Automobilzulieferindustrie oder später als Vertriebsleiterin im Maschinen- und Anlagenbau.
Schon früh hat die gebürtige Mecklenburgerin die Chance genutzt, Karriere zu machen und dabei die Welt zu erkunden. Nach zahlreichen Stationen in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien wurde sie schließlich in „ the länd“ sesshaft.

Da ihre Eltern beide Ingenieure waren, hat Cornelia Hildebrandt ihre Berufswahl nie infrage gestellt – immer einfach war es dennoch nicht. Bei einem Vorstellungsgespräch wurde ihr einmal gesagt, dass ihre Zeugnisse und Erfahrungen zwar überzeugend seien, sie aber als junge Frau wahrscheinlich Unruhe in ein Team voller Männer bringen würde. Später hatte sie mit Vorurteilen gegenüber arbeitenden Müttern zu kämpfen und oft das Gefühl, sich mehr als ihre männlichen Kollegen beweisen zu müssen. Was ihr lange Zeit fehlte, waren ein gutes Netzwerk und Kontakte zu anderen Role Models. Deshalb unterstützt sie heute als Mentorin und Coach Frauen aus dem MINT-Bereich bei ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung.

Auf Umwegen zum Karriereglück

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Wie bist Du zu Deiner Tätigkeit im MINT-Bereich gekommen? Und woher kam Dein Interesse für diesen Bereich?

Cornelia Hildebrandt: Meine Eltern waren beide Ingenieure und ein Vorbild für mich. In die technische Richtung zu gehen, schien mir also nicht abwegig, zumal ich in Mathe und Physik in der Schule sehr gut war. Klar war mir von Anfang an, dass ich nicht nur am Schreibtisch sitzen, sondern einen praktischen Beruf ausüben wollte.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Du hast Dich also bewusst für Deine spätere Ausbildung entschieden?

Cornelia Hildebrandt: Ehrlich gesagt, bin ich auf Umwegen zu meinem Beruf gekommen. Ursprünglich hatte ich vor, eine Ausbildung zur Vermessungstechnikerin zu machen und Geodäsie zu studieren. Nicht bedacht hatte ich jedoch, dass mein Heuschnupfen mir einen Strich durch die Rechnung macht. Also absolvierte ich stattdessen eine – in der damaligen DDR mögliche – Ausbildung zur Holzfacharbeiterin mit Abitur und anschließend ein Studium in Holz- und Faserwerkstofftechnik. Rückblickend war es die beste Entscheidung, denn dieser Weg hat mir eine spannende Karriere ermöglicht.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Erzähl uns gerne etwas über Deine bisherigen beruflichen Stationen und Herausforderungen.

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„Herausforderungen gab es auf meinem Weg viele – und jede hat mir die Chance zum Wachsen gegeben.”

Mit 17 Jahren verließ ich für meine Ausbildung das Elternhaus und lebte danach an mehreren Orten im In- und Ausland. Für meine Diplomarbeit war ich in einem Spannplattenwerk in Chile. Später, als junge Ingenieurin bei der Dieffenbacher GmbH, nahm ich weltweit Maschinen und Anlagen in Betrieb. Teilweise war ich wochen- bis monatelang auf Baustellen unterwegs – unter anderem in Italien, Großbritannien, Griechenland, Malaysia, Mexiko, Kanada und den Südstaaten der USA.

Zurück in Deutschland absolvierte ich, als zweifache Mutter mit Baby und Kleinkind, ein berufsbegleitendes MBA-Studium für Internationales Marketing. Danach wechselte ich als Key Account Managerin in die Automobilzulieferindustrie und leitete für die Dürr Systems AG Projekte in China, Südkorea und Südostasien.

2018 hieß es „back to the roots“: Ich kehrte nach zehn Jahren wieder zur Dieffenbacher GmbH zurück. Dort verantworte ich als Stabsstelle Vertrieb die Einführung und Umsetzung eines Customer Relation Management Systems (CRM), um besser auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen zu können. Des Weiteren sind die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle sowie Potenzial- und Marktanalysen große Themen. Es geht darum, Verbesserungspotenziale im Vertrieb zu identifizieren und die Erreichung und Steigerung der Ziele entsprechend messbar zu formulieren.

Die Messlatte für Frauen liegt gefühlt höher

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Würdest Du rückblickend Deine berufliche Laufbahn anders einschlagen?

Cornelia Hildebrandt: Ich habe für den Job meine Heimat verlassen, bin nach beiden Kindern relativ früh in den Beruf zurückgekehrt, habe mich neben Job und Familie immer weitergebildet. Als Vertrieblerin und Führungskraft standen die Kunden und beruflichen Herausforderungen oft an erster Stelle. Rückblickend war diese Zeit für meine Familie, beziehungsweise uns alle, sehr belastend. Heute achte ich mehr auf die Balance zwischen Berufs- und Privatleben.

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„Nur wenn meine Batterien geladen sind und ich sorgsam mit mir umgehe, kann ich für andere da sein und Herausforderungen gelassener begegnen.”

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Wie hast Du Deine Ausbildung und Deine Berufsstationen erlebt? Spielte dabei Dein Geschlecht eine Rolle?

Cornelia Hildebrandt: Meine Berufsausbildung absolvierte ich von 1987 bis 1990, also überwiegend noch zu DDR-Zeiten, in Thüringen. Von den 20 Lehrlingen in meiner Klasse waren wir acht Frauen. Auch bei meinem anschließenden Studium zur Diplom-Ingenieurin für Holz- und Faserwerkstofftechnik an der TU Dresden spielte mein Geschlecht keine Rolle.

Erste Vorurteile erlebte ich während eines Praktikums im Schwarzwald und als ich mit 28 Jahren ins Schwabenland zog. Als einzige Frau auf Baustellen musste ich zunächst oft beweisen, dass ich den Anforderungen gewachsen bin. Doch sobald ich meine Kompetenz gezeigt hatte, wurde ich akzeptiert.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Welche Hürden musstest Du als Frau überwinden, die einem Mann eher erspart bleiben?

Cornelia Hildebrandt: Gefühlt liegt die Messlatte für Frauen – insbesondere in männlich geprägten Branchen – höher. Es wird von ihnen erwartet, dass sie zuerst ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Gleichzeitig müssen sie sich in einem Umfeld zurechtfinden, dessen Spielregeln historisch von Männern geprägt wurden. Fähigkeiten wie Empathie, die häufig als „typisch weiblich“ angesehen werden, wurden lange Zeit eher als Schwäche interpretiert.

Auch wenn mein Mann mich stets unterstützt und mir den Rücken freigehalten hat – denn Karriere beginnt zu Hause – war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine große Herausforderung. Besonders als meine Kinder klein waren, gab es kaum flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice, verantwortungsvolle Teilzeitstellen oder Job Sharing. Die Vorurteile gegenüber arbeitenden Müttern waren groß und stereotype Begriffe wie „Rabenmutter“ waren damals leider gängig. Erst spät habe ich erkannt, wie wertvoll Netzwerke sein können. Gerade im Austausch mit anderen Frauen habe ich viel Unterstützung und Bestärkung erfahren.

Der MINT-Bereich braucht weibliche Vorbilder

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Du engagierst Dich für Female Leadership und Women in Tech. Warum ist Dir das wichtig?

Cornelia Hildebrandt: Als Frau in traditionell männlich geprägten Branchen begleiten mich die Themen Diversity, Chancengleichheit und Vereinbarkeit seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn. Ich war auf meinem Berufsweg oft die erste Frau in einer bestimmten (Führungs-)Position. Mir fehlten Vorbilder. Deshalb begleite und unterstütze ich heute, sowohl in meiner beruflichen Rolle als auch als Mentorin und Coach, Frauen auf ihrem Weg, die vielfältigen Herausforderungen zu meistern, Chancen zu ergreifen und dabei in Balance zu bleiben. Aufgrund meiner Erfahrungswelt liegen mir insbesondere Ladies in MINT am Herzen.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Was muss sich Deiner Meinung nach ändern, damit sich mehr junge Frauen für eine Karriere im MINT-Bereich entscheiden?

Cornelia Hildebrandt: Es ist essenziell, frühzeitig ein Bewusstsein für die Vielfalt beruflicher Möglichkeiten zu schaffen und bestehende Rollenstereotype zu hinterfragen – bereits im Kindergarten, in der Schule und im Elternhaus. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet, sei es bei der Betreuung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen. Diese ungleiche Verteilung hängt stark mit der Sozialisierung und den daraus entstehenden Glaubenssätzen zusammen.

Zwei Frauen sitzen sich in einem Büro gegenüber und unterhalten sich

Darüber hinaus braucht es eine unterstützende Unternehmenskultur und männliche Verbündete, vor allem in männerdominierten Arbeitsfeldern, um Chancengerechtigkeit zu fördern und nachhaltige Veränderungen voranzutreiben. Themen wie das Leaky-Pipeline-Phänomen, der absinkende Frauenanteil auf den verschiedenen Karrierestufen, müssen verstanden werden und der Gender Pay Gap, Gender Care Gap und das Fehlen weiblicher Vorbilder müssen aktiv angegangen werden. Nur so kann der MINT-Bereich für Frauen langfristig attraktiver werden.

Fortschritt ist nur gemeinsam möglich

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Hast Du einen Tipp für junge Frauen und Mädchen, die in Deiner Branche erfolgreich werden wollen?

Cornelia Hildebrandt: Kenne dich selbst, deine Stärken und Werte. Sei authentisch und glaube an dich. Suche dir stärkende Vorbilder sowie Mentorinnen und Mentoren , eine Partnerschaft auf Augenhöhe sowie die passende Umgebung, in der du dich entfalten kannst.

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Welcher Themenaspekt im Zusammenhang mit „Frauen in MINT-Berufen“ liegt Dir noch am Herzen, der bisher nicht angesprochen wurde?

Cornelia Hildebrandt: Ich wünsche mir mehr Frauen in MINT-Berufen, die aktiv dazu beitragen, unsere Welt nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten. Um weibliche Perspektiven dauerhaft zu verankern, braucht es eine kritische Masse von etwa 30 % Frauen in der Wirtschaft – auch in Führungspositionen. Aus diesem Grund engagiere ich mich als Mentorin und als Vorständin der Führungsfrauen im Raum Heilbronn, unter anderem auch innerhalb der „Zukunftsallianz MINT Region Heilbronn“.

Für mehr Frauen in MINT braucht es jedoch nicht nur deren eigenen Einsatz, sondern auch die Unterstützung durch Männer (Male Allyship) und vor allem Veränderungen an den strukturellen Rahmenbedingungen. Der Fokus sollte dabei nicht darauf liegen, Frauen an ein bestehendes System anzupassen. Stattdessen müssen die Voraussetzungen so gestaltet werden, dass echte Chancengleichheit entsteht. Fortschritt ist nur gemeinsam möglich; und von einer vielfältigeren und ausgewogeneren Arbeitswelt profitieren letztlich alle – Frauen und Männer gleichermaßen, gerade im MINT-Bereich.

Portraits

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