Drei Monate, zwei österreichische Bundesministerien und viele neue Perspektiven

Im Rahmen des 29. Führungslehrgangs des Landes Baden-Württemberg hospitierte Dr. Jürgen Zieher, Referent im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, vom 2. Februar bis zum 30. April 2026 im Bundesarbeitsministerium (BMASGPK) und im Bundeswirtschaftsministerium (BMWET) in Wien.

Schnell zeigte sich: Österreich und Baden-Württemberg stehen vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften und der demografische Wandel stellen beide vor die Aufgabe, die duale Berufsausbildung zukunftsfähig weiterzuentwickeln und mehr junge Menschen für eine solche Ausbildung zu gewinnen.

Vor diesem Hintergrund begann im März 2026 unter Federführung des Bundesarbeitsministeriums und unter Einbindung der Bundesministerien für Wirtschaft und Bildung die Erarbeitung einer umfassenden österreichischen Fachkräftestrategie – ein spannender Zeitpunkt für den persönlichen Einblick, den Dr. Zieher in Wien gewinnen konnte.

Ein Mann mit ausgebreiteten Armen vor einem Regierungsgebäude

Wissenstransfer zwischen Baden-Württemberg und Österreich

Die Hospitation bot jedoch nicht nur die Gelegenheit, die österreichische Perspektive kennenzulernen. Auch der Austausch in die andere Richtung spielte eine wichtige Rolle. Dr. Zieher stellte in beiden Ministerien aktuelle Ansätze des Landes Baden-Württemberg zur Fachkräftesicherung vor, darunter die Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“. Der intensive fachliche Dialog machte schnell deutlich: Beide Länder können von den Erfahrungen des jeweils anderen profitieren. Auf großes Interesse stieß dabei auch die von der Arbeitsgruppe „Initiativen für Frauen in der dualen technischen Ausbildung“ der Landesinitiative entwickelte Broschüre „Weibliche MINT-Auszubildende gewinnen. Eine Handreichung für Unternehmen“. Sie fand sowohl innerhalb der Ministerien als auch bei weiteren Akteurinnen und Akteuren aus dem Bereich der beruflichen Bildung großen Anklang und lieferte wertvolle Impulse für den weiteren Austausch.

MINT-Förderung als gemeinsames Anliegen

Im Mittelpunkt vieler Gespräche stand die Frage, wie es gelingen kann, mehr Mädchen und Frauen für MINT-Berufe zu begeistern – und welche Ansätze in Österreich auf diesem Gebiet bereits Wirkung zeigen. Dabei erhielt Dr. Zieher ein breites Bild der aktuellen Aktivitäten im Nachbarland. Hierzu zählen insbesondere der Aktionsplan MI(N)Tmachen, die MINT-Regionen sowie die Arbeit der MINTality Stiftung. Ergänzt wurde dieser Einblick durch den Besuch bei einem Unternehmen, der die Umsetzung solcher Maßnahmen in der Praxis greifbar machte.

MINT-Fachkräfteoffensive entlang der gesamten Bildungskette

Im Jahr 2023 stellte das damalige österreichische Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) den genannten Aktionsplan erstmalig vor. Er verkörpert die zentrale MINT-Fachkräfteoffensive des BMBWF (heute aufgeteilt in das Bundesministerium für Bildung (BMB) sowie das Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF)) und verfolgt einen umfassenden Ansatz entlang der gesamten Bildungskette. Ziel der Maßnahme ist es, bis 2030 den Anteil der MINT-Absolventinnen und -Absolventen an österreichischen Hochschulen im Vergleich zu 2019/2020 um 20 Prozent zu steigern. Damit soll zugleich ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Österreichs geleistet werden. Ergänzend wird angestrebt, den Frauenanteil in technischen Studiengängen im selben Zeitraum um fünf Prozent zu erhöhen.

MINT-Regionen als Erfolgsmodell für regionale Vernetzung

Ein zentraler Baustein des Aktionsplans MI(N)Tmachen sind die insgesamt acht Aktionslinien – darunter auch das aus Deutschland übernommene Konzept der MINT-Regionen. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen schulischer MINT-Bildung und außerschulischen Akteuren vor Ort systematisch zu stärken und so junge Menschen frühzeitig für MINT-Themen zu begeistern. Derzeit gibt es in den neun Bundesländern Österreichs insgesamt 28 MINT-Regionen mit 969 Kooperationspartnern. Mehr als 50.000 Kinder und Jugendliche haben bereits an deren Aktivitäten teilgenommen – ein deutliches Zeichen für die breite Verankerung des Ansatzes. Koordiniert werden diese Aktivitäten von der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft mbH (AWS) in Wien, die als zentraler MINT-Regionen Service Hub fungiert.

In dieser Rolle stellt die AWS eine österreichweite Plattform bereit, vernetzt die Regionen untereinander und arbeitet eng mit den in sechs Bundesländern bestehenden Landeskoordinierungsstellen zusammen. Darüber hinaus unterstützt sie mit fachlichem Input, erhöht die Sichtbarkeit der Aktivitäten und vergibt gemeinsam mit dem BMFWF und dem BMB das MINT-Regionen Qualitätslabel. Parallelen zeigen sich dabei zur deutschen MINT-Vernetzungsstelle, die im Rahmen des MINT-Aktionsplans des damaligen deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung seit 2021 als bundesweite Dachstruktur für die außerschulische MINT-Bildung etabliert ist.

Foto: Kolleginnen und Kollegen im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus

Kolleginnen und Kollegen im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus

Gemeinsame Impulse für mehr Chancengerechtigkeit im MINT-Bereich

Besonders praxisnahe Einblicke erhielt Dr. Zieher im Rahmen des Fortbildungsworkshops „INSIGHT MINT & Mädchen – Gemeinsam Wirkung entfalten“, der vom MINT-Regionen Service Hub gemeinsam mit der MINTality Stiftung organisiert wurde. Im Zentrum standen dabei Co-Creation-Sessions, in denen die Teilnehmenden gemeinsam an einer Guideline für erfolgreiche Übergänge in MINT-Berufe arbeiteten. Ziel war es, Mädchen langfristig für den MINT-Bereich zu begeistern, bestehende Angebote besser zu vernetzen und die Chancengerechtigkeit nachhaltig zu stärken. Die MINTality Stiftung, im Jahr 2022 auf Initiative der Unternehmerin und damaligen Nationalratsabgeordneten Therese Niss unter dem Dach der Innovationsstiftung für Bildung gegründet, setzt genau hier an. Sie engagiert sich dafür, mehr Mädchen für MINT-Ausbildungsberufe zu gewinnen, sie beim Übergang von der Schule oder Ausbildung in den Beruf zu begleiten und langfristig drei MINT-Lehrberufe unter die zehn beliebtesten Berufe junger Frauen in Österreich zu bringen. Darüber hinaus arbeitet die gemeinnützige Organisation gezielt daran, stereotype Rollenbilder aufzubrechen und das Selbstvertrauen von Mädchen in Bezug auf ihre technischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen zu stärken.

Gruppenbild_ Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops „INSIGHT MINT & Mädchen – Gemeinsam Wirkung entfalten“ in Linz

Foto: Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops „INSIGHT MINT & Mädchen –Gemeinsam Wirkung entfalten“

Best Practice aus der Unternehmenspraxis

Wie sich der Frauenanteil in gewerblich-technischen Ausbildungsberufen ganz konkret erhöhen lässt, zeigte sich eindrücklich bei dem erwähnten Besuch von Dr. Zieher im Ausbildungszentrum der Starlim Sterner GmbH in Wels/Oberösterreich. Auf Einladung von Ausbildungsleiter Reinhard Koch konnte Dr. Zieher vor Ort mit weiblichen Auszubildenden und Gesellinnen in verschiedenen MINT-Berufen ins Gespräch kommen. Das Unternehmen gilt dabei als Paradebeispiel für erfolgreiche Nachwuchsgewinnung im technischen Bereich. Für das Projekt „Junge Frauen in technische Berufe“ wurde die Starlim Sterner GmbH im Rahmen der EAKON – Europäische Ausbildungskonferenz 2025 mit dem 1. Platz ausgezeichnet. Aktuell liegt der Frauenanteil in den MINT-Berufen in Österreich bei rund 15 Prozent – mit dem klaren Ziel, diesen weiter zu steigern.

Ein Mann und zwei junge Frauen im Gespräch in einer Werkstatt
Ein Aufsteller der eine Auszeichnung als top Ausbilder zeigt

Ausblick: Impulse für die weitere Zusammenarbeit

Über den fachlichen Austausch hinaus waren laut Dr. Zieher bei seinem Aufenthalt in Österreich vor allem die zahlreichen Begegnungen und Gespräche prägend, die diese Zeit in Wien so besonders gemacht haben.

Sie verliehen der Hospitation eine persönliche Dimension, die über die reine inhaltliche Zusammenarbeit hinausging. Die gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen möchte er in seine Arbeit im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg einbringen und dort weiter vertiefen. Aufbauend auf der Hospitation ist zudem ein fortgesetzter fachlicher Austausch zwischen dem Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg auf der einen Seite sowie dem österreichischen Bundesarbeitsministerium und Bundeswirtschaftsministerium auf der anderen Seite im Bereich der dualen Berufsausbildung vorgesehen.

Kolleginnen und Kollegen im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz

Foto: Kolleginnen und Kollegen im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz

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